Marino (09.12.2011)

Wenn wir über Marinos happy end schreiben, dann gehen uns viele Dinge durch den Kopf. Die erste Meldung fand am 25.07.2011 durch unsere Kollegen im Partnertierheim Olbia (Sardinien) statt: 

  

Alt, einsam, überfahren und ohne Hilfe!!! Es ist 22 Uhr, als ich den Anruf erhalte, dass auf der Kreuzung bei Marinella ein überfahrener Hund liegt, der noch lebt, ob wir bitte kommen könnten. Um ihn herum stehen viele Leute, alle schauen auf ihn, sehen ihn an, sie versuchen auch, ihn zu beschützen, wertvolle Minuten nach einem Unfall vergehen so, eine Minute hin oder her kann in so einer Situation Leben retten, aber da gibt es ein Problem: Hier ist es so, dass sich als erstes die Frage stellt, wer übernimmt die Kosten, die durch so eine Rettung entstehen? Wir zögern nicht, wir kommen an, sammeln den armen Kerl ein und bringen ihn sofort in eine Tierklinik. Wir haben bereits vor Ort erkannt, dass sein Zustand sehr ernst ist, der arme Kerl ist fast verhungert, sein Körper voller Zecken, schwer angefahren und außerdem wirklich schon sehr sehr alt, geschätzt wird sein Alter auf 14 Jahre. Auch heute ist sein Zustand noch sehr schlecht. Wer möchte ihm helfen?? Bitte!!!

Immer wieder bekamen wir Zwischenmeldungen von Marino und am 09.09.2011 erfolgte die nächste offizielle Meldung von den Kollegen: 

  

Marino hat sich von seinem Unfall weitgehend erholt. Bei all den Untersuchungen und Tests, die gemacht wurden, hat sich leider herausgestellt, dass er an Herzwürmern leidet. Also haben wir mit der Behandlung begonnen, die sehr anstrengend für ihn und sehr teuer für uns ist. Es tut im Herzen weh, ihn in seinem Käfig leiden zu sehen, er hält das alles nicht sehr gut aus. Er braucht ganz dringend Liebe und ein eigenes Zuhause!!! Bitte laßt ihn nicht im Stich!

Wir hatten bereits zwei Pflegestellen, die sich für Marino gemeldet hatten. Doch beide mussten wir vorerst ablehnen, da Marino die Herzwurmtherapie auf Sardinien angefangen hatte und nun keinerlei Möglichkeit bestand ihn unter der Therapie nach Deutschland zu holen. Zu geschwächt war der hübsche Rüde und zu anstrengend wäre die Einreise nach Deutschland gewesen. So blieb uns nur übrig ihn bei allen Sardinien Reisen ihn zu besuchen und ihm viele Versprechen zu geben. Die Angst war groß, dass der alte Herr die Lebensmut verlassen würde, da er während der ganzen Therapie in einem Käfig auf der Station gehalten wurde. Wir hofften und glaubten.

Nun ist der große Traum für uns alle wahrgeworden und auch Marino, durfte als alter und angeschlagener Hund, die Pfoten des Tierheims verlassen und nach Deutschland reisen, denn hier hatte sich eine uns bekannte Hundeliebhaberin gemeldet und um Adoption des Rüdens gebeten. Der erste Hund war Polly, der sie zu respekTiere brachte und es folgte Polly der alte Rüde Bimbo (heute Bolle). Als Polly aus Altersgründen verstarb durften einige Monate später noch Lucia aus unserem Partnertierheim einziehen. Die große Liebe zu den alten Hunden, deren Vergangenheit völlig unbekannt ist, die aber Leid und Hoffnungslosigkeit ausstrahlen, ist zu unserer großen Freude für die Tiere aus Olbia geworden. Denn das Herz von Judith H. hängt an diesen Hunden und so darf immer wieder eine neue Fellnase die Tore des Tierheims verlassen und wir dort warmherzig und liebevoll aufgenommen. Diesmal traf es nun Marino, der seinen Platz mit Bolle und Lucia, sowie einem weiteren Tierschutzhund, Chopper, teilen darf.

Am Freitag, den 09.12. wurde dann die Reise nach Düsseldorf angetreten und nun überlassen wir die Worte Judith, die Ihr Glück mit Marino noch garnicht fassen kann:

Durch meinen zweiten Hund Janosch, der in 2008 erblinden sollte, allerdings Ende desselben Jahres an einem Milztumor starb, lernte ich über RespekTiere die süße Polly kennen: Eine Australian-Shepherd-Pudel-Mix-Hündin, behindert, traumatisiert. Somit war mein Herz für alte und behinderte Hunde entfacht, da sie mit ca 10 Jahren bei mir einzog. Egal, was die Dame noch an Wehwechen aufgrund des Alters mitbrachte, ihr Trauma, einfach alles, mein Herz gehörte ihr.

Über die tollen Kollegen von RespekTiere e.V. beschäftigte ich mich fortan mit Tieren aus der Lida. Vor allem waren mir die Alten dort sehr, sehr wichtig. Ich schätze an ihnen ihre Lebenserfahrung, die Weisheit, einfach alles. Sie strahlen etwas aus, was man einfach nicht beschreiben kann. Und mit Beginn von Polly und der Berichte über das überfüllte Refugio war für mich klar: "Dort musste ich weiterhelfen!"

Somit zog im Frühjahr 2009 der damalige Bimbo ein, eine oberscheue alpenländische Dachsbracke, die mir leider abhanden gekommen war, bereits am zweiten Tag vom Grundstück ausbrach. Hier wurde mir bewusst, dass jeder Hund vor allem durch die Menschen geschädigte Tiere, etwas ganz eigenes sind, worauf man sich einstellen muss/sollte. Mein Kampf des Suchens gemeinsam mit der Orga und Tasso wurde nach 9 1/2 Wochen belohnt: Bolle, wie er nach Ausreise hieß, kehrte in die Arme des Frauchens zurück. Und ich war oberglücklich, denn ich wäre meines Lebens nicht mehr froh geworden, wenn ich ihn verloren hätte. Seitdem ist er der anhänglichste Wauzel, den ich so erleben darf. Ein einfach ganz besonderer Vierbeiner. Und durch diese Erfahrung war mir klar, dass mir nicht noch einmal so etwas passieren durfte ABer ich wusste auch, dass diese Erfahrung jeden treffen konnte, vielleicht nicht jeder so ein Glück des Wiederfindens hat, aber man denjenigen nicht verurteilen konnte, den es betraf.

 

Mein Herz ist weiterhin alten Hunden offen. Wenn sie mit dieser Weisheit und der Lebenserfahrung einziehen, meist sieht man ihnen das Leid im Gesicht an, mindestens aber merkt man es in der Seele, man lebt jedoch Schritt für Schritt mit ihnen richtig auf, wenn sie, egal, wie lange sie noch bei uns Zweibeiner sind, glücklich werden, die Augen strahlen und sie dann in Frieden und glücklich über die Regenbogenbrücke gehen.

Es mag sein, dass viele hier zurückschrecken und sich fragen, wie man dieses durchhalten kann, es doch an die Substanz geht, sie auch Kosten verursachen. Das mag richtig sein. Aber ich kann einfach nur jedem einer dieser Mäuse ans Herz legen. Ich selbst bin mit vollem Herzen dabei, fahre nicht in den Urlaub, verbringe meine gesamte Freizeit mit ihnen, möchte aktiv zum Tierschutz etwas beitragen. Alte und behinderte Hund sind etwas ganz besonderes und so unendlich dankbar, egal, wieviel Tage, Wochen oder Monate ihnen bleiben mögen. Es geht einem nur das Herz auf... so wie ich es immer wieder erleben darf.... Ich hätte hier gerne noch mehr Platz, Hände - das Herz wäre groß genug, aber ich bleibe im kleinen Kreis, was auch machbar ist Und dennoch wird mein Herz weiter für die Gnadenbrot- oder Hospizhunde schlagen, so lange es für mich möglich ist, werde ich weiter für sie kämpfen und mit jedem einzelnen seinen Weg bis zur bitteren Neige (auch mit kämpfen) gehen.

Im August dieses Jahres ist Lucia, die Zaubermaus, bei mir eingezogen. Sie ist oberscheu, aber ganz langsam öffnet sie ihr Herz und sie schenkt Vertrauen. Wo Frauchen ist, ist auch die Maus. Bei Lucia ist das Alter ungewiss, zudem sie ist auch behindert. Diese Kombination aus Alt und Behindert macht mir nichts aus, ich habe keine Berührungsängste. Meine Polly so sagte der Tierarzt zuguterletzt - auch er mochte sie -, dass diese Hündin, wenn sie Mensch gewesen sei, die Pflegestufe 3 bekommen hätte, er es bemerkenswert fände, wie ich um sie kämpfen würde, ich es aus bedingungsloser Liebe täte.

Und zuguterletzt, nachdem ich meine Seelenhündin Polly im Juni dieses Jahres verloren hatte, habe ich Marino entdeckt. Ich werfe regelmäßig einen Blick auf die Homepage, vor allem auch direkt auf die italienische. Da ist mir jedoch bald das Herz stehengeblieben. Mein erster Gedanke: Papa Polly.... Es passte. Polly war knapp 40 cm hoch, und als der alte Herr durch die automatische Tür des Flughafens kam, war ich sichtlich überrascht über diese Größe: ca 60 cm Schulterhöhe. Ein wahrer sanfter Riese... Dank RespekTiere und der Lida hatte er einen schweren Unfall überlebt. Wenn sie nicht vor Ort gewesen wären... Ich sage einfach nur Danke!

Es ist bemerkenswert, was vor Ort auf Sardinien alles an Tierschutz getan wird. Ein Hut ist davor zu ziehen. Vor allem vor denen, die an der Front arbeiten, denen es noch mehr an Substanz gehen mag, wenn wieder ein Notfell gefunden wird, ganz besonders in welchem Zustand...

Marino ist ein, ich bezeichnete ihn sofort so, "sanfter Riese", der wohl schon mal ein Zuhause hatte, menschenbezogen. Autofahren findet er recht angenehm, ruckzuck guckte er zwischen den Sitzen hindurch und holte sich Streicheleinheiten ab.

Zuhause eingetrudelt, wollte ihn Choppi begrüssen und gleich dominieren, was der sanfte Riese dann gar nicht so nett fand. Die Zwei müssen wohl noch was ausfechten, weil Marino weiterhin grummelt, Choppi aber ein devoter Huskymix ist. Wird schon werden.

Was es allen rund herum bestätigt, ist, dass es sich wohl tatsächlich um den Vater von Polly handelt. Gleiche Fellstruktur, die Schattierungen, der Blick, viele Gesten, steht auch nur da, wedelt, scheint evtl. taub zu sein. Ich finde viele Parralelen. Ist schon Wahnsinn. Wenn er sich vor einen setzt, kann man ihn richtig lieb in den Arm nehmen und er genießt es sichtlich.

 

Muffensauserin Lucia ist nicht so angetan von ihm und klebt noch mehr mit Sekundenkleber am Hundekorb fest. Hat eine halbe Nacht lang gedauert, bis dann alle rund herum um mich im Schlafzimmer nächtigten. Was aber zum positiven ist, ist, dass sich Lucia mir gegenüber mehr öffnet und ich sie heute sogar ganz fest in den Arm nehmen durfte, sie sogar ihr Köpfchen an mich legt. Sie scheint ihm aber ziemlich sonstwo vorbei zu gehen, weil sie sehr viel bellt, dann dreht er sich um und geht ins Wohnzimmer, legt sich dort hin.

Den Garten hat er bereits komplett auf den Kopf gestellt. Bolle folgt ihm tapfer, sieht in ihm einen sog. Bewacher und findet ihn deshalb ganz toll.

Insgesamt ist er ein richtig toller sanftmütiger Riese, was ich über ihn bis jetzt aussagen kann. Ich bin gespannt, wie er sich weiter entwickelt. Ein süßer alter Opi. Seinen Hüftschaden kann man sehen. Wenn man ihn im normalen Bereich belastet, bräuchte er auf keine weitere OP hinzusteuern. Ich werde morgen Schüsslersalze zum Muskel- und Knochenaufbau holen. So hatte ich Pollalina auch behandelt. Und es ging ihr lange Zeit gut damit.

Habe ihn heute morgen zugeflüstert, dass er wahrscheinlich nichts von seiner Tochter weiss, aber er ein ganz tolles Mädchen gezeugt hatte. Dann blickte er mich mit dem Polly-Blick an und er wedelte sofort...

Fazit: Ich würde mich einfach nur wünschen, dass es noch mehr der alten Krusties, wie ich sie liebevoll bezeichne, aus dem Refugio raus schaffen würden, noch bevor sie zu Staub dort werden. Sie sind etwas ganz besonderes und haben es einfach verdient!

Ganz liebe Grüße
Judith Hohmann mit Lucia, Bolle, Chopper und Marino

Was bleibt hier zu sagen? Wir danken Judith für die große Liebe zu den alten Hunden und wünschen allen gemeinsam eine lange und gesunde Zeit. Wir freuen uns, dass Marino es an Weihnachten in ein neues liebevolles Zuhause geschafft hat.