Pinna Bianca

So wie ich Pina kennen lernen durfte, bin ich mir sehr sicher, dass sie vor einigen Jahren (13) irgendwo in einer Gottverlassenen Gegend auf Sardinien zur Welt kam. Ich denke, sie lebte Jahre lang als Wildhund in einem kleinen Rudel oder als Einzelgänger (da sie anscheinend nie Welpen hatte) und hat sich durchschlagen müssen. Wovon sie sich ernährt hat, ist mir ein Rätsel. Sie hatte Angst vor Mülltonnen und ich glaube nicht, dass sie selbst gejagt hat. Irgendwann wird sie dann einem Jäger ein Dorn im Auge gewesen sein, und landete in der LIDA. Dort wurde sie von den anderen Hunden so sehr gemoppt, dass sie zum Schluss die Hundesprache fast völlig verlernte. Sie wechselte von einem Gehege ins andere, weil sie immer wieder zerbissen wurde. Und irgendwann kam sie dann zu uns nach Deutschland.

Einen Monat lang schaute ich mir fast täglich die Fotos aus der LIDA an, weil ich mir immer wieder die Frage stellte: "Haben wir dem Hund wirklich einen Gefallen getan, indem wir sie herholten....?" - Sie bewegte sie nicht. Sie lag immer in ihrem Körbchen in der Küche und war vor lauter Angst wie versteinert. Um ihr Geschäft machen zu können trugen wir sie hinaus in den Garten, wo sie dann noch mehr Angst bekam: Vor Vögeln, Nachbarn (die aber wirklich ruhig waren), Wind in den Büschen, eigentlich vor Allem. Sie war einfach nur ein Häufchen Elend.

Winni und ich gingen dann (ohne Hund) zu einer Theoriestunde bei einer "Hundefrau". Sie zeigte uns ein paar Fehler auf, die wir (vor lauter Sorge um den Hund) gemacht hatten, und gab uns einige Tipps. Bis dahin hatten wir Den Futternapf immer genau vor Pinas Nase gesetzt, damit sie sich traute zu essen. Und wenn wir dachten, sie hätte durst, bekam sie auch das Wasser gereicht. Ja klar, wieso sollte sie sich denn bewegen, wenn sie so tolle Bedienstete hat!!?? Also haben wir den Futternapf einen Meter von ihr entfernt hingestellt. Am ersten Tag traute sie sich noch nicht. Aber am zweiten stand sie plötzlich auf und aß! Am Anfang versuchte sie immer einen Moment zu erwischen, indem niemand im Raum war, also gab es nur noch Essen, wenn wir im Raum waren. Nach ca 15 Min.. nahmen wir den Napf dann wieder weg. Nach einer Woche aß sie ganz selbstverständlich. Außerdem hörten wir auf, sie herumzutragen. Wir legten ihr die Leine im Körbchen an und gingen dann durchs Haus in den Garten "spazieren" immer nwieder hin und her..

Nach einer Woche erweiterten wir die Runden auf einem eingezäunten großen Grundstück. Und nach einer weiteren Woche konnten wir schon kleine Spaziergänge machen, die schon schnell immer größer wurden. Vier Monate nachdem Pina bei uns eingezogen war, konnten wir sie schon ohne Leine laufen lassen. Bei Kommando "Bleib" stand sie wie eine 1. und so konnte man zu ihr gehen, und sie anleinen. Bei Kommando "Komm" kam sie immer bis 2Meter vor uns, weiter traute sie sich noch nicht.

Autos, Fahrradfahrer, Jogger und Fußgänger machten ihr keine Angst mehr.. Sie ging ihnen einfach aus dem Weg. Vor fremden Hunden hatte sie immer noch Angst. Wenn sie aber ein paar Meter mit ihnen zusammen gelaufen war, ignorierte sie sie meist einfach. Pablo war ihr immer zu langsam. Oft lief sie zu ihm zurück und schimpfte ihn aus.. Sie lief wahnsinnig gerne, und sprang am liebsten ausgelassen im Gestrüpp umher. Dabei sang sie immer (ich habe noch nie einen Hund vor Freude singen hören). Als Pablo starb, schimpfte sie mich bei den Spaziergängen immer aus, wenn ich zu langsam war, also sprang und rann ich mit ihr herum...

Ihre Lebensfreude war so ansteckend... Wenn man Pina ansah, musste man einfach lächeln! Ihre Öhrchen (die für Stehohren ein bisschen zu lang waren, aber auch ein bisschen zu kurz für Hängeöhren) hüpften beim Laufen immer drollig hin und her. Wenn sie lief trabte sie nicht, sie töltete. (In ihrem ganzen Verhalten war sie eine Mischung zwischen Islandponny, Rehlein und Wölfchen). Wenn sich eine unserer Katzen zu nah an ihren Futternapf wagte, kam das Wölfchen heraus- in einer wahnsinnig tiefen Tonlage bellte sie dann kurz. Sie war ein ziemlich schlauer Hund. Sie hat sich nie mit der Leine um einen Baum oder eine Straßenlaterne gewickelt. Und sie war so fit. Keiner glaubte uns, dass sie schon 13 Jahre alt sein sollte! Höchstens 5 wenn überhaupt...

Mich hat letztens einmal jemand gefragt, wovon ich Fan wäre...Ich antwortete spontan: von niemanden. Aber als ich darüber weiter nachdachte, stellte ich fest, dass ich ein absoluter Pinafan bin. So sehr wie sie in der kurzen Zeit über sich hinausgewachsen ist...

Als Dalma bei uns einzog, hat sie sich noch mehr gefreut. Dalma läuft genauso gerne wie sie und muss alles erkunden. Also rannten die Beiden immer um die Wette (soweit das ging, da Dalma noch an der langen Leine war und Winni oder mich hinterher ziehen musste). Die Zwei hatten sich wirklich gesucht und gefunden.. Einen größeren Gefallen hätte man Pina glaube ich nicht machen können... Leider War sie vor lauter Freude immer so sehr ins Spielen vertieft, dass sie sich nicht mehr so gut anleinen ließ. Sie hatte nur noch toben im Kopf...

Einige Male habe ich über eine Stunde lang versucht, sie davon zu überzeugen, dass wir nicht mehr spielen, sondern dass sie stehen bleiben muss, damit ich sie anleinen kann.. Teilweise musste ich Dalma sogar an einen Baum anbinden, damit er mich nicht genau im falschen Moment in die andere Richtung zerrte.. Ab da an beschloss ich Pina erstmal nicht mehr ohne Leine laufen zu lassen... Dalma kam an zwei kurze leinen hintereinander und Pina bekam die FlexiLeine.. Weil Dalma immer mit so einem Ruck in die Straffe Leine sprang, wollte ich so mit der Flexi den Ruck zu Pina abfangen... Auf der Straße (durchs Dorf) legte ich immer beiden die kurzen Leinen an.

Am 28.12.09 gingen wir wie immer zur Rur. Pina hatte morgens ganz schälmich ein paar Bröckchen aus Dalmas Napf geklaut (dabei habe ich sie noch angelächelt...) Als ich ihr die Leine zum spazieren gehen anlegen wollte, hüpfte sie auch fast aufgeregter als sonst in ihr Körbchen. (Wir mussten sie immer im Körbchen anleinen -es war einfach eine kleine Prinzessin, die gerne abgeholt werden wollte) Beim Umleinen im Park klemmte Dalmas Haken. (wohl da es in den letzten Tagen so regnerisch gewesen war) Pina hatte ich die Flexi schon angelegt. Ich legte Ihre Leine wohl auf den Boden, um mit beiden Händen Dalma anzuleinen. Gleichzeitig hörte ich noch, dass Pina wohl einen Schritt gemacht hatte.. Daraufhin hatte sie sich so vor dem Geräusch erschreckt, das das Kunststoffgehäuse auf dem Boden machte, dass sie sofort in Panik war. Sie rannte einfach nur vor dem Geräusch weg, das ihr jedoch leider folgte..

Sie hörte in ihrer Panik nichts mehr und hatte nur noch die Flucht im Kopf. Da es noch dunkel war konnte ich nicht sehen, in welche Richtung sie gelaufen war.  Ich suchte erst den ganzen Park ab. Brachte dann Dalma nach Hause und holte schnell mein Fahrrad. Dann fuhr ich alle Strecken ab, die wir immer gegangen waren. Da sie das Gestrüpp ja so sehr liebte, guckte ich überall, da ich vermutete, die Leine hätte sich irgendwo verfangen...
Irgendwann hörte ich dann auf mein inneres Gefühl und fuhr Richtung Autobahn.. Zwischendurch blieb ich stehen und rief die Polizei an, ob sie eine Meldung über einen freilaufenden Hund hätten. Der Beamte schickte mich sofort zur Autobahnmeisterei, nach einem kurzen Telefonat erklärte man mir dort, dass ein Hund auf der Autobahn überfahren worden sei. (Zum Glück waren keine Personen in dem Unfall verwickelt).

Sie beschrieben mir auch genau unsere Pina- mit einem schwarzen Halsband und einem schwarzen Geschirr. Ich konnte nicht anders- ich musste sie einfach sehen um es wirklich zu glauben. Ich denke sonst wäre ich Tagelang durch die Gebüsche gekrochen, und hätte sie überall gesucht, mit der Angst, sie könnte sich irgendwo verfangen haben, und müsste bei der Kälte draußen verhungern... Der nette Herr fuhr auch sofort mit mir zu der Stelle, wo er sie hingelegt hatte. Sie sah (wenn man das so sagen kann) ganz friedlich aus. Gar nicht ängstlich oder sogar panisch. So, als würde sie schlafen.. oder sogar noch entspannter..

Als Pablo gestorben war, machte ich mir so Gedanken, wie Pina wohl mal sterben würde.. Und es traf mich beinahe wie ein Blitz und ich wusste, sie wird überfahren.. Ich wusste es einfach. Aber ändern kann man am Schicksal wohl nichts... Ich hatte Winni immer ermahnt, gut auf die Pina aufzupassen und sie auf keinen Fall abzuleinen... Wer konnte schon ahnen, dass sie mit der Leine ca.3km weit auf die Autobahn laufen würde... Ich bin schon fast dankbar, dass sie MIR weggelaufen ist, und nicht IHM! Ich glaube, das hätte ich nicht verkraftet. Daran wären wir wohl beide zerbrochen!

Der einzige Trost der uns bleibt ist, dass sie nicht lange leiden musste. Sie war kein Hund der leiden sollte! Sie hat wohl ihr Leben lang schon genug gelitten... Wenigstens konnten wir ihr ein wenig dabei helfen, das Lachen wieder zu lernen...

Und sie ist beim Laufen gestorben. Laufen - das was sie am meisten auf der Welt geliebt hat.

Unsere singende Pina..
Wir vermissen sie so sehr...