Pippo

Pippo lag auf meiner Bettseite, ich war neben ihm ausgestreckt , den Arm um seinen Kopf, neben ihm lag Bianco, Heidi, meine Freundin saß am Kopfende, die Tierärztin sollte in etwa 5 Minuten kommen, alles war vorbereitet. Kalli, ein Freund sollte, nachdem sie mit dem Auto aufs Grundstück gefahren war, das Tor wieder schließen. Frau Betz, eine sehr liebe Nachbarin-Freundin war leise die Treppe hinauf ins Schlafzimmer gekommen. Plötzlich hörte Pippo auf zu hecheln, ich unterbrach mitten im Wort, dann streckte er noch einmal sein schönes Laufpfötchen aus, hob kurz seinen Kopf und war eingeschlafen. Sein letztes treues Geschenk, im richtigen Moment, dicht an mir, in meinen Armen einzuschlafen, ohne Schmerzen oder Angst. Es hat mich derart getröstet, ich fasse es noch immer nicht, was er da geleistet hat. Mit letzter Kraft seinen Dank an mich für seine Rettung vor 15 Jahren und sein fröhliches schönes Leben.

Sein Grab hat den schönsten Platz im Garten, alle Freunde, die kommen, gehen hin, der weiße Rhododendron lässt seine Äste darüber hängen, später werden niedrige weiße Rosen darauf sein. Bianco, sein Freund, hatte vorher alles beobachtet, hatte alles abgeschnüffelt, er weiß Bescheid und ist nun immer an meiner Seite.

Ich bin traurig, gleichzeitig sehr getröstet, weil alles richtig war und ist. Er habe ein "biblisches Alter" erreicht sagte Dr. Hagen, sie brachte übrigens ihre Tochter mit, und man wünsche sich bei vielen Menschen, dass sie so wie hier Abschied nehmen könnten und in einer so lieben Begleitung seien und nicht allein und einsam.

Die Reaktion meiner Freunde: "Gott sei Dank", alle wissen, wenn er es schafft zu gehen ohne Spritze, dann ist es das Schönste und Beste.

Nun soll Bianco erst einmal ein wenig die Nr. 1 sein, später werden wir weitersehen. Es wird ihm gut tun, wir kommen uns täglich näher, er ist immer bei mir.

Und Pippo hatte so lange durchgehalten, das Karzinom war im Juli 2007 erkannt worden, ein bösartiger Tumor, der sehr häufig streut, so lautete die Diagnose. Die Tierärztin hielt sich bedeckt, war sehr vorsichtig auf meine Fragen wie lange noch? Und in mir immer diese Angst über die Ungewissheit wie das Ende sein würde. Und ich war davon überzeugt, dass ich verzweifelt sein würde, untröstlich. Täglich rufen Freunde an oder kommen vorbei, sie wollen wissen, wie es mir geht, sie kannten meine Liebe zu diesem Hund, eine absolute unendliche Liebe. Und ich kann ihnen sagen, dass ich zwar traurig aber nicht verzweifelt bin.

Ein italienischer Straßenköter, das war er. Ich war am Nachmittag von einem Urlaub mit meiner römischen Freundin Maria Grazia von Porto Santo Stefano nach Carbogniano zurückgekommen, das liegt in der Nähe des Lago di Vico, südlich von Viterbo. Dort hatte sie eine Wohnung und nach dem Abendessen gingen wir raus auf die Terrasse und Maria Grazia sah diesen cane abbandonato auf der Piazza und lockte ihn während ich aus dem Kühlschrank das teure Kalbfleisch holte. Danach kochte sie noch ein bisschen für ihn, ich saß auf der Terrasse, er vor mir, den Kopf auf meinem Knie. Über das geöffnete Küchenfenster unterhielten wir uns und dann meinte sie, dass wir ihn nach dem Fressen wieder wegschicken müssten, sie habe ja schon zwei Hunde in Rom. Und mir gingen gleichzeitig mehrere Gedanken durch den Kopf: Einen weißen Hund wollte ich schon immer haben und: Wenn wir ihn heute Nacht wegschicken dann werde ich ihn morgen suchen, ich werde mit dem Auto alles abfahren und ich werde ihn nicht finden. Und ich werde dies nicht ertragen. Und ich streichelte ihn weiter und rief zu Maria Grazia: E se lo prendessi io? Und ab diesem Moment hatte ich einen Hund!

Was heißt einen Hund? Ich hatte den Hund! Pippo, der Name fiel mir später auf den langen Fahrt zurück nach Deutschland ein (ich musste immer lachen wenn ich an Pippo Baudo dachte, den gibt es tatsächlich noch immer bei der RAI und er ist merkwürdigerweise nicht gealtert!) war damals im Juli 1994 kein schöner Hund, total abgemagert, man konnte alle Rippen sehen, Haare hatte er nur auf dem Rücken, er sah erbarmungswürdig aus. Dass er nach und nach zu einem der schönsten Hunde aller Zeiten werden würde, das war nicht vorstellbar und ich dachte auch keinen Moment an so etwas. Er war deshalb so schön, weil er auch innen so schön war, er hatte ein Charakter wie er besser nicht sein konnte.

Hier in Eberstadt kannten ihn alle und nie hatte jemand Angst vor ihm. Wenn Kinder kamen blieb er stehen, um gestreichelt zu werden, wenn andere Hunde aggressiv waren, machte er einen Bogen, er hätte ein Therapiehund sein können. Er hatte alle guten Eigenschaften, die so liebenswert bei Hunden sind und keine von denen, die einem auf die Nerven gehen: Er bellte so gut wie nicht, sprang nie hoch, leckte nicht, bellte weder aus dem Auto heraus (er fuhr sehr gerne Auto und lag stundenlang still) noch im Lokal und er roch nicht, vor allem dann, wenn er nass war. Das war sein Erbe des Maremmano. Und unser Bianco, der seit 15 Monaten bei uns lebt, der aus Olbia kam, ein Bündel Angst, sein kleiner Bruder hat genau diese Eigenschaften auch, wobei er noch immer schreckhaft ist, aber es wird!

Ein Hund kostet Geld und Zeit und er macht Dreck, er gibt keine Milch und legt keine Eier und er schränkt uns ein, weil wir Rücksicht nehmen müssen, weil wir nicht einfach so verreisen können und und und. Aber er bringt uns zu Lachen, Tag für Tag, und kein Komiker weit und breit schafft dies so auch nur annähernd. Und man versteht sich ohne Worte, und die Beziehung wird mit der Zeit immer tiefer und inniger.

Allen, denen das bevorsteht, was ich gerade erlebt habe, kann ich nur sagen: Wenn die Umstände so oder so ähnlich sind wie bei uns, wenn das Tier zur rechten Zeit gehen darf, wenn er in der Nähe ruht, so dass man ihn besuchen kann, dann ist es auch leichter zu akzeptieren, dass ein Leben vorbei ist. Und er hatte ein schönes und fröhliches Leben und er hat so viel Liebe bekommen wie er gegeben hat. Und ich denke an ihn und erinnere mich an seine Eskapaden, als er sich eine Mozzarella vom Küchentisch geklaut hat, als er von meinem Teller mit Melonenschnitzen den hauchdünnen Parmaschinken abgefressen hat, als er sich den Bienenstich, den wir gleich zum Kaffee essen wollten, einverleibt hat.......

Ich werde Dich immer in mir tragen!