Ponochio
Lieber Ponochio,

die Worte von Sergio Bambaren, die ich gestern gefunden habe, drücken vielleicht am besten aus, was wir in dieser Stunde des Abschieds von dir empfinden:

"Vielleicht bedeutet Liebe auch lernen, jemanden gehen zu lassen, wissen, wann es Abschied nehmen heißt. Nicht zulassen, dass unsere Gefühle dem im Weg stehen, was am Ende wahrscheinlich besser ist für die, die wir lieben."

Nie werden wir den Tag vergessen, als du bei uns eingezogen bist, dich ängstlich im Regal versteckt hast, enttäuscht, dass die Menschen schon wieder entschieden haben, dass du nochmal umziehen solltest. Doch kaum hattest du dich entschieden, bei uns bleiben zu wollen, lernten wir dich in deiner ganzen Persönlichkeit kennen, die unbeirrt ihren Weg ging, und unser Zuhause war nun auch dein Zuhause. Du hast einfach bestimmt, welche Plätze jetzt deine waren, und falls schon eine Katze dort lag, wo du liegen wolltest, hast du dich eben obendrauf gelegt, bis sie gewichen ist, oder auch nicht, dann war es wenigstens auch von unten warm.

Überhaupt waren Wärme und Sonne deine Elemente, sie gehörten zu dir wie die Luft zum Leben, und es war mir immer klar, dass du dir zum Sterben nicht den Sommer aussuchen würdest, sondern einen nasskalten grauen Oktobertag. Du hast die Winter hier in Deutschland gehasst, sie waren für dich nur erträglich durch die wunderbare Erfindung der Heizung, auf der du dich dann hast braten lassen.

Jeden Sonnenstrahl hast du gebündelt, hinter den großen Glasscheiben des Wintergartens sozusagen absorbiert, möglichst immer noch an eine andere Katze gekuschelt. Die weichsten und wärmsten Plätze gehörten dir, unser Lieblingsfoto war immer das, auf dem du mit Jonathan auf dem Sofa lagst, Popo an Popo natürlich, dass hatte dir ja schon lange den Spitznamen "Popo" eingebracht.. Dieses Foto hatte immer den Untertitel "Rechts mit Perwoll gewaschen!". Ja, mit Jonathan hast du dich immer wunderbar verstanden, zwei ältere, souveräne Herren eben, und nun bist du ihm schon nach einem halben Jahr gefolgt. Wir hoffen, dass ihr Euch dort wiederfindet, auf der anderen Seite des Regenbogens, nun könnt ihr wieder zusammenliegen, Popo an Popo.

Kaum kam der Frühling, konntest du wieder das Leben leben, das du so geliebt hast. Stundenlang in der Sonne schmoren, möglichst auf dem blanken Asphalt, der so heiß war, dass wir ihn nicht mehr betreten konnten, aber Temperaturen unter 40 Grad waren für dich geradezu inakzeptabel, das war nun einmal dein Leben.

Und weil du immer selbst entschieden hast, haben die Tierschützer auch damals, als sie dich gefunden haben, der Hautkrebs hatte deine Ohren zerfressen und du musstest schwere Operationen über dich ergehen lassen, trotzdem entschieden, dich nicht in eine "hautkrebssichere Wohnungshaltung" zu vermitteln. Du hattest eine so starke Persönlichkeit, warst so souverän, dass man dir einfach dieses Leben nicht diktieren wollte. Schließlich gehörte auch deine Vergangenheit auf Sardinien, die nicht immer schön und bestimmt von Überlebenskampf geprägt war, unausweichlich zu deinem Leben, und auf eine gewisse Weise hast du auch diese Vergangenheit geliebt. Angefangen mit der Sonne, so hast du uns oft etwas aus deinem Leben erzählt.

Wenn in unserem Haus Fisch gekocht wurde, so hast du es schon ganz hinten im Garten gerochen und bist laut piepsend in die Küche gekommen, bis du deinen Anteil bekommen hast, oder noch besser, bis du es geschafft hattest, etwas davon vom Tisch zu klauen. Da saß dir immer der Schalk im Nacken, und so hast du es bestimmt oft gemacht in Italien. Deine Lieblingsspeise waren Krabben, aber du hast sie nicht eher gegessen, als bis wir sie auf ein Stück Zeitungspapier auf die Erde gelegt hatten, hat ja ein Weilchen gedauert, bis wir verstanden hatten, dass es so sein muss. Noch mehr gefreut hast du dich, wenn wir im Sommer im Garten gegessen haben und etwas "zufällig" vom Tisch fiel oder du die Chance gesehen hast, einen Spaghettiteller abzulecken, wir konnten uns die Szene richtig vorstellen, wie du mit deinen halb geschlossenen Augen und deiner piepsigen Strimme im Restaurant gebettelt hast, immer mit herzerweichendem Gesichtsausdruck, so hast du uns oft zum Lachen gebracht.

Trotz der Hautkrebsvorgeschichte haben wir nie versucht, dich von der Sonne fernzuhalten, allerdings duftest du nur mit Sunblocker hinaus, und der hat dein Fell leicht bräunlich verfärbt. Aber auch das hat man im Sommer kaum gemerkt, denn du hast dich mit Vorliebe im staubigen Blumenbeet gewälzt, und wenn du dann wieder herein kamst, mehr aschgrau als weiß, haben wir oft gesagt "Mein Gott, wie siehst du denn nur aus?", du aber standest da, als wolltest du sagen "Das muss so sein!" und gingst weiter.

Nie zuvor ist uns ein so souveräner Kater begegnet, du brauchtest auch nicht um Anerkennung kämpfen. Bei uns hast du noch einen zweiten Spitznamen bekommen: "Der Polizist", bei uns war die Polizei eben weiß. Wenn zwei Katzen sich nur leise gestritten haben, bist du aus dem Tiefschlaf aufgesprungen und hast dich dazwischengestellt. Du brauchtest weder die Pfote erheben noch die Stimme benutzen, hast nur die beiden Streithähne angestarrt, und schnell ging wieder jeder seines Weges. Du mochtest keinen Streit und hast dich mit jeder Katze gut verstanden. Und du hast immer gezeigt, was du wolltest, man konnte gar nicht anders, als dir jeden Wunsch von den Augen ablesen. Wenn etwas nicht nach deinem Willen lief, hattest du auch deine Mittel. Die Tierärztin hat oft vergeblich versucht, dich anzuschauen, weil du sofort auf dem Rücken lagst und alle Viere in die Luft gestreckt hast, kratzend alle vergrault hast. Nachdem die Tierarzthelferinnen versucht haben, dich festzuhalten, hast du einmal in die Runde gepinkelt, bis jeder etwas abbekommen hatte, danach haben sie schon zu den Plastikschürzen gegriffen, wenn wir nur das Wartezimmer betreten haben. Hatte die Tierärztin etwas gemacht, was dir nicht gefallen hat, so bekam sie die Ohrfeige vier Wochen später, wenn sie wieder das Haus betrat. Und eine Katze, die gewagt hatte, dich zu ärgern, erhielt die Retourkutsche auch erst einen Tag später, unser kleiner italienischer Dickkopf war eben nachtragend und vergaß nie etwas.

Auch wenn wir dir die italienische Sonne hier in Deutschland nicht bieten konnten, hast du uns doch jeden Tag gezeigt, dass du sehr dankbar bist über dein neues Leben. Trotz aller schlechten Erfahrungen mit Menschen hast du uns jeden Tag gezeigt, dass du uns liebst, so wie wir dich. bis fast zum Schluss hast du die lansam schleichend sich entwickelnde Krankheit vor uns versteckt, hast noch gefressen und um Fisch gebettelt, als die Nierenwerte schon entsetzlich waren, hast geschmust und geschnurrt und die Nächte unter der Bettdecke verbracht, eng an den Menschen gekuschelt, empört, wenn man wagte, sich umzudrehen.

Doch am Ende ist das Schicksal leider immer stärker als jede Medizin, und nachdem du schon einmal im Leben so sehr hast leiden müssen, haben wir entschieden, dass du nicht nochmal so lange leiden sollst, wenn es denn keine Heilung mehr gibt. Ein Ponochio, der nicht mehr fressen kann, der nicht mehr in die Sonne gehen möchte und es nicht mehr bis ins Bett schafft, ein Ponochio, der uns um Hilfe anpiepst, weil die Übelkeit so unerträglich wurde und keine Medizin mehr helfen konnte, diesen Ponochio haben wir am 14. Oktober kurz vor Mitternacht über die Regenbogenbrücke gehen lassen und hoffen, dass er nun in einem Land ist, in dem immer die Sonne scheint und er frei von Qualen ist.

Es war die schwerste Entscheidung, die wir je gefällt haben, es war unendlich schwer, loszulassen, aber die Worte von Sergio Bambaren sprechen für sich. Es gibt in diesem Moment des Abschieds viele Menschen, die an Ponochio denken, doch wir waren die Glücklichen, die ihm ein Zuhause geben durften, die diese, leider nicht einmal 3 Jahre mit ihm leben durften und denen er unendlich viel gegeben hat. Niemand hat wirklich genau gewusst, wie alt du gewesen bist; als die Tierschützer dich fanden, hattest du nicht mehr viele Zähne, anhand derer man es schätzen konnte. Vielleicht ist jetzt einfach auch ein altes Katzenleben zu Ende gegangen. Wir hoffen nur, dass dein Leben bei uns soviel wie möglich wieder gutgemacht hat von dem, was dir früher geschehen ist, und dass die Zeit für dich genauso schön war, wie für uns.

Wir werden dich unendlich vermissen, dein fein geschnittenes Gesicht, das schon immer ein wenig einer Totenmaske glich, dein blaues und dein grünes Auge, immer nur halb geöffnet, deine piepsende Stimme, die uns durch den Tag begleitet hat. Deine Plätze werden jetzt leer bleiben, und keine Katze wird um Krabben auf Zeitungspapier betteln. Aber wir sind dankbar für die wunderbare Zeit mit dir und können dir jetzt nur noch unsere Liebe mit auf die letzte Reise geben.

Mach´s gut, kleiner Mann, wir werden dich nie vergessen.

Susanne und Karsten mit ihrer ganzen großen Katzenfamilie und alle, die dich gekannt haben. "Immer wenn wir von dir erzählen, fallen Sonnenstrahlen in unsere Seelen. Unsere Herzen halten dich gefangen, als wärst du nie gegangen." (Autor unbekannt)