Sugar (18.08.2008)
Ich traute meinen Augen nicht, als ich die Flugbox öffnete. Was hatten die Kolleginnen mir denn da geschickt?! Einen Hamster? Kaum 300 g und die Augen noch geschlossen, vollkommen hilflos - eine Hand voll Hund. Höchstens anderthalb Wochen alt. Aber Energie und den Wunsch zu leben, das hatte der kleinen Sugar schon spürbar. Trotzdem war ich den ersten drei Tagen unsicher, ob ich ihn durchbringe. Er fraß schlecht, und die Flasche war ihm suspekt. Der Sauger fast zu groß für sein kleines Mäulchen.

Der Versuch, ihn zu einer säugenden Mutter zu setzen und regelmäßig "anzudocken" war ziemlich stressig. Er hatte keine Chance gegen seine Kollegen, die immerhin einige Wochen älter waren. Zudem war er durch seine absolute Hilflosigkeit ein beliebter Spielball seiner "Stiefgeschwister".

Das konnte ich auf Dauer nicht ertragen. So wurde der kleinen Sugar für die nächsten vier Wochen mein ständiger, und zwar „hautnaher“ Begleiter. Selbst bei nahezu 40 Grad im Schatten ein Unterhemd zu tragen ist nur ein Beispiel, was man so bereit ist, für ein solch armes Würmchen zu tun ... So war er auch bei jedem Einkauf "an Bord". Da gab es lustige Dinge, die man so erlebte. Wie etwa eines Tages beim Bäcker. Ja, da pinkelt der Zwerg los, und so ganz langsam zieht die Feuchte durchs T-Shirt. Die Verkäuferin war völlig perplex, als sie das sah. Ich hätte schreien können über ihren Gesichtsausdruck. Dann ein paar Tage später in einem anderen Geschäft: Klein-Sugar wechselt den Schlafplatz und krabbelt in meiner Bauchgegend von links nach rechts, um sich da gemütlich einzukuscheln. Die Verkäuferin war so platt, dass sie vollkommen erstarrte und nur noch auf meinen Bauch starrte. Wahrscheinlich dachte sie „Oh Gott, schon so alt und noch Kindsbewegungen ...“. Ich sah viele Fragezeichen in ihren Augen und denen der Umstehenden und fühlte mich spontan genötigt, mein „Baby“ zu zeigen. Welch ein Auflauf ...

Viele Leute haben Sugar bei uns gesehen und waren hin und weg von dem kleinen Kerl. Angesichts der vielen Notfälle und armen Geschöpfe, die so dringend auf ein gutes Zuhause warten, schien es mir fast vermessen, ausgerechnet diesen süßen Knopf selbst behalten zu wollen. Nach drei schlaflosen Nächten hatte ich mich daher sehr, sehr schweren Herzens durchgerungen, den Kleinen zu vermitteln. Aber ich hatte die Entscheidung ohne meine Familie getroffen. Die war völlig fassungslos, als ich meinen Entschluss kundtat, und hat sich mächtig ins Zeug gelegt und mich gnadenlos in die Mangel genommen. Es kamen so Sprüche wie „es ist dein Baby, du hast ihn doch großgezogen, du kannst dich doch nicht jetzt von ihm trennen usw., usw. …“ Wie unangenehm … denn sie hatten ja so recht. Ich kann ihn nicht ziehen lassen. Er bleibt! Ich freue mich so!

Karin Loebnitz