Cello
Liebe Frau Schaumburg, liebe Tierfreunde, liebes respekTiere-Team,

mein Name ist Cello. Ich wurde vor etwa acht Jahren auf Sardinien geboren. Seither habe ich wirklich schon viel durchgemacht.  Mir fehlt vorne links die Pfote, ich hatte an der linken Seite mal zwei Rippen  gebrochen, mir fehlt ein Stückchen vom linken Ohr …
 
Dank respekTiere habe ich nach langen Jahren im Tierheim jetzt endlich eine Familie. Ich kam erst vor ein paar Wochen in Deutschland an, aber ich kann jetzt schon sagen, für mich ist Deutschland das Paradies auf Erden.

Ich wohne jetzt in einem großen Haus mit großem Garten. Ich habe meinen eigenen Platz mit einem tollen Kissen auf dem Flur, falls ich meine Ruhe haben will (ich bin schon ein älterer Kerl, und da kann es mal  vorkommen), eine Decke im Wohnzimmer,  falls meine Leute fernsehen und ich nicht alleine sein möchte, und zwei eigene Näpfe, die nie leer sind (ich brauchte 2 Wochen, um zu glauben, dass die Näpfe tatsächlich meine sind). Das Beste aber ist, dass ich eine tolle Familie habe: ein Frauchen, ein Herrchen und einen neunjährigen Kumpel. Dann kommt jeden Tag noch eine Katze vor unsere Tür, um ihr Frühstück abzuholen. Ich würde gerne mit ihr spielen, sie hat aber noch ein bisschen Angst vor mir.  Sie kommt aber immer näher, und ein Küsschen habe ich von ihr auch schon bekommen.

Der Weg zu meiner Familie war aber gar nicht so einfach. Mein Frauchen entschied sich am Anfang dieses Jahres, dass sie nach Jahren wieder einen Hund haben möchte. Sie hatte einen tollen vierbeinigen Kumpel vor etwa 4 Jahren verloren und konnte es sehr lange nicht verkraften. Sie suchte im Internet bei der Seite des Deutschen Drahtes einen Hund in der Umgebung. Sie sah sich viele Bilder an, und dann sah sie mein Foto. Ich sehe super aus, das muss ich sagen, und ich habe die treuesten Augen der Welt. Ich sehe meinem Vorgänger verdammt ähnlich, ich bin schwarz mit weißer Brust, und meine hintere Pfote ist auch weiß. Als mich mein Frauchen sah, verliebte sie sich in mich und meine Augen. Sie kann es immer noch nicht erklären, aber sie wusste von Anfang an, dass ich der richtige Hund für sie und ihre Familie bin.  Sie besuchte die Internetseite von respekTiere und las alles über mich. Dort stand, dass ich eine „steife Pfote“ habe, und das war kein Hinderungsgrund, und so schrieb mein Frauchen eine E-Mail an Frau Schaumburg. Frau Schaumburg freute sich sehr, dass sich eine Familie für mich interessierte, da es aus meinem Tierheim noch kein Tier geschafft hatte, wieder herauszukommen. Leider war für mich keine Pflegestelle in Deutschland frei.
 
Mein Frauchen ist aber eine Kämpferin und gab nicht auf, sie bekam die hervorragende Idee, dass sie mich doch direkt vom Flughafen abholen könnte. Frau Schaumburg leitete gleich alles in die richtigen Wege. Dann kam aber eine schlechte Nachricht:  Alles würde  länger dauern, weil ich angeblich noch gechippt werden müsste. (Das waren die Angaben des Tierheims. Als ich dann in Deutschland angekommen war, konnte man an meinen Papieren erkennen, dass ich schon seit November 2004 ein Chip habe …) Diese Information war für respekTiere und für meine Familie ein Schock, aber meine Familie wollte nur mich und wartete.  respekTiere tat alles, um mich aus dem Tierheim rauszuholen, und ich konnte, zwar später als gedacht,  endlich am 11. April 2008 mit meinem Kumpel Crespo nach Deutschland ausreisen.

Da sich alle bei respekTiere viele Sorgen um ihre Schützlinge machen und sicher sein wollen, dass sie in ein gutes Zuhause kommen, wurde auch bei meiner Familie eine Vorkontrolle durchgeführt. Das war der zweite Schock für meine Familie. Es kam ein Mann, der nach etwa 5 Minuten wieder ging und an respekTiere berichtete, dass meine Familie mich in einem Zwinger halten werde. Frau Schaumburg, natürlich gar nicht begeistert über diese Information,  rief mein Herrchen an, der überhaupt  nicht begreifen konnte, wovon Frau  Schaumburg eigentlich sprach. Dann folgten lange Telefongespräche zwischen meinem Frauchen und Frau Schaumburg, um die „Sache“ zu klären. Es klärte sich teilweise, aber das Missverständnis lag wie ein schwarzer Schatten da. Gott sei Dank kam ein paar Tage später noch eine Frau aus dem Tierheim in Northeim zur Kontrolle. Sie informierte sich über alles, gab meiner Familie einige gute  Ratschläge, war wirklich supernett. Sie gab ihren Bericht ab, und alles wurde geklärt. Alle dachten, dass unserem Glück nun nichts im Weg stehen würde ...

Doch dann ein weiterer Schock: Endlich kam der Tag des Kennenlernens.  Mein Frauchen und Herrchen wollten sich  gerade auf den langen Weg nach Köln machen, als Frau Schaumburg anrief, um ihnen zu sagen, dass gerade erfahren habe, dass ich keine „steife Pfote“ hätte, sondern mir leider die Pfote völlig fehlen würde. Niemand  in Deutschland hatte es gewusst, das Tierheim hatte es verheimlicht, und dieser dritte Schock für meine Familie war eigentlich die härteste Probe von allen. Mein Frauchen und Herrchen fuhren trotzdem nach Köln, um mich abzuholen.

Ich wusste, schon als ich aus dem Flugzeug stieg, dass dieser Tag ein besonderer Tag sein wird. Es standen ein paar Leute um die Transportbox, und ich wusste: „Jetzt muss ich mein Bestes geben“. Ich ging aus der Transportbox gleich auf mein neues Frauchen zu, habe mich auf den Rücken geschmissen, meinen Bauch hingehalten und mich gleich kraulen lassen. Ich wusste, da kann niemand widerstehen, und dass mein Frauchen mich liebte, spürte ich. Ich setzte alles auf eine Karte und sagte mit meinem Verhalten „Ich tue alles, gib mir eine Chance.“ Und ich fuhr mit meiner neuen Familie nach Hause. 

Die Fahrt war lang, wir mussten mehrmals anhalten und gingen immer kurz spazieren. Schon da zeigte ich mich wirklich vorbildlich. Ich zog nicht an der Leine, war gar nicht scheu oder ängstlich. Nach sieben Stunden im Auto waren wir endlich zu Hause. Ich war so müde, dass ich die 5 Treppen zum Haus gar nicht gehen konnte und getragen werden musste. Mein Stumpf blutete und mein Frauchen machte sich große Sorgen um mich. Hunger hatte ich nicht und bin gleich in meinem neuen Korb eingeschlafen.  Ich hatte keine Lust alleine zu sein, ich genoss es, Leute nur für mich zu haben. Ich wollte, dass sie mich kraulen, und jedes Mal, wenn sie aufhören wollten, spielte ich mein bestes „Theaterstück“  (ich habe mit meinen beiden vorderen Beinen meine Nase gestreichelt) vor.

Mein Fell war nicht besonders schön, ich hatte viele Schuppen, aus meinem Pass hat mein Frauchen erfahren, dass ich nicht 4, sondern 8 Jahre alt bin. Dann fiel meiner Familie noch auf, dass ich ab und zu gar nicht reagiere. Ich kann also auch nicht richtig gut hören, na ja, schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste … einfach alles, was schiefgehen konnte, war auch schiefgegangen ... Ich, mein Frauchen und mein Herrchen besuchten gleich am nächsten Tag einen Tierarzt wegen meines Stumpfes. Ich war ganz tapfer und nahm es alles sehr gelassen.  Ich bekam Antibiotikum und Antiseptikum.
 
Die Leute von respekTiere machten sich natürlich viele Gedanken, ob meine Familie mich bei all diesen „Überraschungen“ überhaupt behalten wollte. Sie hätten es auch verstanden, wenn  nicht. Denn eigentlich wollte mein Frauchen einen Hund, der sie beim Laufen begleitet, aber mit drei Pfoten …  Aber sie mussten sich keine Sorgen machen. Ich bin wirklich ein toller Hund und weiß ganz genau, wie ich mich zu verhalten habe. Ich mag meinen zweibeinigen neunjährigen Kumpel, toleriere andere Hunde, jage die Katze meiner Familie nicht (die Kater, die zu „meiner Katze“ wollen, würde ich aber aus dem Grundstück jagen, wenn ich nicht an der Leine wäre, ich bin tierisch eifersüchtig, schließlich gehört die Katze zu meiner Familie!),  und ich bin sauber.  Ich bin ein lieber Hund. Ich genieße es, gekuschelt und gekrault zu werden. Meine Kondition war natürlich nach so langer Zeit im Tierheim sehr schlecht, aber ich trainiere jeden Tag.  Meine Leute gingen die ersten Tage immer nur kurz mit mir spazieren, mein Stumpf tat weh, und ich war schon nach 200 Metern total erschöpft. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie toll ich das Spazierengehen jetzt finde. Jetzt, nach 4 Wochen,  würde  ich am liebsten draußen ständig alles beschnüffeln, ich mag die Sonne und die Freiheit. Ich laufe gern, und meine Kondition ist viel besser geworden. Ich spiele gerne im Garten oder auf der Wiese, aber am liebsten gehe ich in den Wald. Mein Frauchen sagt, dass ich ein kleiner Jäger bin. Wenn ich ein Kaninchen oder eine Maus rieche, will ich es fangen. (Aber ich darf natürlich nicht!) Da würde niemand glauben, dass ich nur drei Pfoten habe. Ich besuche die Hundeschule und passe wirklich auf, um das Hunde-ABC zu erlernen.  Mit „Sitz“ klappt es schon ziemlich gut.

Meine Familie ist sehr stolz auf mich. Sie sind froh, dass sie mich gleich vom Flughafen abgeholt haben, trotz allem, was passiert ist. Wenn sie mich nicht abgeholt hätten, wäre ich in einer Pflegestelle untergebracht worden. Ich wäre da bestimmt auch sehr gut aufgehoben gewesen, aber ich bin sehr zutraulich und hätte mich an die lieben Menschen bestimmt gleich gebunden.  Hätte ich dann wieder weggehen müssen, wäre es für mich eine Katastrophe gewesen. Ich weiß nicht, wie lange ich dann gebraucht hätte, meiner neuen Familie vertrauen zu können.

Und vielleicht, wer weiß,  wenn meine Familie gewusst hätte, dass mir eine Pfote fehlt, hätten sie Frau Schaumburg nie kontaktiert.

Also: Ende gut, alles gut.

Danke respekTiere, danke Frau Schaumburg.

Liebe Grüße
euer Cello
Mai 2008
PS: Die obere Bildreihe zeigt mich (links) bei meinem ersten Spaziergang nach der Freilassung aus dem Canile, (Mitte) kurz vor der Abfahrt zum Flughafen Olbia zusammen mit meinem Kumpel Crespo und (rechts) beim Empfang durch mein Frauchen und mein Herrchen am Flughafen in Köln. Die Bilder der unteren Reihe sind alle in meinem neuen Zuhause entstanden.
 
Anmerkungen von respekTiere:
Cello ist ein ganz besonderer Fall, und wir sind überglücklich, dass uns etwas schier Unglaubliches gelungen ist. Cello ist ein ehemaliger Streuner aus Santa Teresa und wurde - wie es dort nach dem Tierschutzgesetz für Straßenhunde üblich ist – von den Vigili, einem Ordnungsorgan der Polizei, gefangen und ins Canile Europa gebracht, mit dem die Gemeinde Santa Teresa die entsprechend dem Tierschutzgesetz vorgeschriebene Kooperation unterhält. Einen Hund, der in diesem Canile gelandet ist, wieder herauszuholen, war bislang so gut wie unmöglich. Publikumsverkehr, wie etwa im Rifugio der Lida in Olbia, gibt es dort nicht. Kein Außenstehender  bekommt Zutritt zu diesem tristen Hundegefängnis, in dem es nicht genügend Ausläufe, sondern für die meisten der Tiere nur enge, geflieste Zellen, kaum Tageslicht, keine Decke zum Kuscheln gibt ... bis zu ihrem Lebensende. Seit Jahren bemüht sich respekTiere intensiv, Hunde aus dem Canile frei zu bekommen, um sie in liebe Familien zu vermitteln. Dank der guten Kontakte zur Gemeinde Santa Teresa, nach etlichen Rückschlägen und zahllosen Verzögerungen,  ist es nun endlich geschafft: Cello und Crespo waren die ersten beiden, für die sich die Tore des Canile in die Freiheit öffneten und die am 11. April 2008 nach Deutschland reisen konnten. Caro ist der Dritte im Bunde, der uns überlassen wurde, und der nun nach einem kurzen Aufenthalt in unserer Auffangstation nahe Santa Teresa ebenfalls auf seiner Pflegestelle in Deutschland angekommen ist.

Natürlich geben wir uns mit diesen drei Hunden nicht zufrieden. Es warten noch so viele im Canile, dass wir ihnen helfen, diesem Gefängnis zu entrinnen. Unsere Verhandlungen mit der Leitung des Canile gehen daher unermüdlich weiter.