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1) Ciao, ich heiße Bubu, jedenfalls steht das in meinem Pass (ich komme nämlich aus Sardinien)! Wenn Ihr wollt, erzähl ich Euch meine Geschichte. Jeden Tag ein bisschen mehr. Angefangen an dem Tag, an dem mich ein Auto angefahren hatte und ich wirklich lieber gestorben wäre. Ich war so gottverlassen einsam und die Schmerzen waren so schlimm – sorry, das hält der stolzeste Kater nicht aus! Zugegeben, es hat sich Einiges in meinem Leben verändert seitdem. Eigentlich ist gar nichts mehr, wie es mal war. Und trotzdem bin ich noch immer nicht am Ziel. Deshalb soll meine Geschichte an Heilig Abend enden. Weihnachten ist doch das Fest der Liebe und jeder darf sich was wünschen, oder? Ich hab’ da nämlich auch einen Wunsch. Aber vielleicht ist es ja für immer nur ein Traum..... Doch fangen wir damit an, wie man mich aus dem Straßengraben geholt und in eine Decke gewickelt hat...... 2) Die Frau, die mich gefunden hat, hat erst mal nur geweint. Ich war kein schöner Anblick, wie ich zusammengekrümmt und blutend im Straßengraben lag. Vielleicht haben all die Menschen in ihren Autos, die ohne anzuhalten vorbeigefahren sind, nicht erkannt, dass ich ein Lebewesen bin? Oder warum sonst ist keiner stehen geblieben? Na ja, die eine Frau jedenfalls, die Nette, hat eine andere Frau angerufen. Die ist dann gekommen und hat mich in eine Decke gepackt. Ich erinnere mich vage. Dann ging es ab zum Tierarzt. Zunächst haben sie mir Schmerzmittel gegeben und versucht, die starken Blutungen zu stillen. Vieles deutete darauf hin, dass mein Kiefer gebrochen und eventuell eins meiner Augen zerstört war. Obwohl ich nicht wirklich bei Bewusstsein war, habe ich mich heftig gegen jede Berührung gewehrt. Alles, was ich wahrgenommen habe, war Schmerz! Eine genaue Untersuchung und Diagnose waren nicht möglich. So haben sie mich weiter in die Tierklinik ins ca. fünfzig Kilometer entfernte Olbia gebracht. Dort sollte ich beobachtet und am nächsten Tag in Narkose eingehend untersucht werden. Dabei wurde dann festgestellt, dass der Kiefer zwar nicht gebrochen, aber stark verschoben war. Glücklicherweise war die Augenverletzung nicht so schwer, sodass mein Auge nicht entfernt werden musste. Trotzdem bin ich seitdem auf dem Auge so gut wie blind. Zusätzlich hatte ich am ganzen Körper Prellungen, Hämatome und zahlreiche andere Blessuren und musste jetzt erst einmal mit Antibiotika und Schmerzmitteln behandelt werden. Tagelang hing ich am Tropf, damit meine Ernährung und Flüssigkeitsversorgung sichergestellt waren. Ich hab’ das alles über mich ergehen lassen, im Nachhinein frag’ ich mich warum. Den ersten Tierarzt hatte ich doch auch erfolgreich vertrieben?!? Bestimmt hatten die mir K.O.-Tropfen in meine Infusionen gemischt!? War bestimmt gut gemeint, aber hey: Ich wollte doch tot sein! Ich wollte, dass die Schmerzen weggehen und die Angst! Ich wollte Frieden und vor allem wollte ich nicht ständig mit diesem albernen Namen angesprochen werden: Bubu! Weiß der Geier, wer sich diesen Unsinn ausgedacht hat! 3) Dann haben sie Fotos von mir gemacht. Schreckliche Bilder, auf denen ich vollkommen entstellt war. Blutig, meine Augen weit aufgerissen und voller Angst. Diese Fotos haben sie nach Deutschland geschickt. Es haben sich wohl Leute gemeldet, die bereit waren, sich an den hohen Kosten, die ich verursacht hatte, zu beteiligen. Dabei wollte ich doch keine Kosten verursachen! Ich wollte nur, dass man mich in Ruhe lässt. Ich war elend und traurig. Überall Krusten vom Blut, mein Fell wurde stumpf, die Haare fielen aus, ganze Büschel sogar. Nichts war mehr übrig von dem stattlichen Kater, der ich einmal war, und dem die Katzendamen zu Füßen lagen. Ja, und dann haben sie mich auch noch kastriert. Mich! Sie haben mir meine Männlichkeit genommen! Ich frage Sie: Was sollte mich nun noch auf dieser Welt halten? Ich beschloss, mich gänzlich zurückzuziehen. Daran hat sich auch nichts geändert, als man mich zur Reha in die so genannte Casetta gebracht hat. Das ist eine Hütte vom Tierschutz, in der notleidende Tiere untergebracht werden, bis sie entweder wieder gesund sind, oder einen Platz in Deutschland gefunden haben. Für mich kam beides nicht in Frage. Ich blieb dabei: Ich wollte sterben. Wenn nicht in der Klinik, dann eben hier. Aber mein Plan ging nicht auf. Die Tierschutzleute wollten weiter um mich kämpfen. Um jeden Preis! Fast hatte ich den Eindruck, sie hätten mich gern. Mich? Einen struppigen alten Kerl? Ohne Nüsse, mit nur einem Auge und immer noch kaum in der Lage, sich auf den Beinen zu halten? Nee, einer wie ich hatte auf dieser Welt nichts mehr zu suchen! Ich rollte mich ein, blieb nur noch ganz ruhig liegen, gab dann auch die Nahrungsaufnahme auf. Legte mein Köpfchen auf die Pfoten und hoffte nur noch, dass es nicht mehr so lange dauern würde, bis ich vor dem Katzenpetrus an der Katzenhimmelstür stehen würde. Und vor allem hoffte ich, dass der Katzenpetrus mich überhaupt einlassen würde, so wie ich drauf war. Denn ich hatte gehört, im Katzenhimmel soll es recht lustig zugehen und einen Kater mit Depressionen, dachte ich, der einem dauernd die gute Laune verdirbt, könne man dort doch gar nicht gebrauchen!? 4) Während ich apathisch vor mich hin döste, hörte ich Wortfetzen wie: „Er hat bereits aufgegeben“ oder „Er tut mir so leid, der arme Kerl“, aber dann „Lass ihn uns nach Deutschland bringen!“. Wie bitte? Sie wollten mich tatsächlich auf die Reise schicken? Offenbar, denn nun war man auf der Suche nach einer Pflegestelle in Deutschland. Nach einem Ort, wo ich mich so lange erholen sollte, bis sich dann endlich jemand in mich verlieben würde, bei dem ich bleiben konnte, für immer. Meiner Meinung nach konnte das alles sowieso nicht klappen, deshalb ließ ich sie gewähren. Da ich so ängstlich, scheu und lebensmüde war, suchte man jemanden ohne Hunde und ohne weitere Katzen. Sie wollten mir einfach nur Ruhe, leckeres Essen und ein warmes Plätzchen bei netten Leuten bieten. Hätte ich nicht andere Pläne gehabt, hätte ich mich sogar darüber gefreut. Aber so wie die Dinge nun mal lagen, fand ich es sogar ein wenig respektlos, dass niemand meinen letzten Willen zu achten schien. Ich tat weiterhin so, als ginge mich das alles nichts an. Ich rührte mich nicht, hob nicht den Kopf wenn jemand mit mir sprach, und als der Tierdoktor bei mir die Abschlussuntersuchung durchführte, ließ ich mich hängen als wäre ich schon fast über den Jordan. Aber der Mann ließ sich nicht austricksen von mir. „Alles okay mit Bubu“, sagte er mit seiner für einen „Schwerkranken“ viel zu lauten Stimme, „er ist soweit gesund, mit guter Pflege wird er es schaffen. Er ist flugtauglich.“ Flugtauglich? Oh Gott, nur das nicht! Ich will nicht fliegen!! Und Bubu? Sie haben diesen albernen Namen tatsächlich in meinen Pass geschrieben! Nun war es amtlich. Mist! Ich will auf gar keinen Fall Bubu heißen. Bis heute nicht!! 5) Und dann ging alles ganz schnell. Zwei bis drei Telefonate und die Bestätigung aus Köln, das liegt am Rhein, dass ich tatsächlich kommen kann. Ein Flugpate wurde gesucht und gefunden, der Pass mit DIESEM Namen versehen, ein paar Vermerke wegen der Impfungen eingetragen und dass ich zur Rasse „EKH“, also „Europäisch Kurzhaar“, gehöre, was ich vorher auch noch nicht wusste. Dann ein paar gute Wünsche vom Pflegepersonal, und schon befand ich mich auf dem Weg zum Flughafen Olbia. Um mich zu motivieren, hatten sie mir erzählt, ich käme vorerst in eine große Wohnung mit Balkon und könnte sogar, wenn ich mich eingewöhnt hätte, ab und an mal wieder raus ins Grüne, um den Katzendamen nachzustellen. Das gefiel mir natürlich nach Wochen der Gefangenschaft - aber als „halber Mann“? Was würden die Kölner Katzen von mir denken? Sollte ich tatsächlich glauben, dass das überhaupt kein Problem sei? Dass ich mich deswegen nicht schämen bräuchte, weil die Katzen in den großen Städten sowieso keine Kinder mehr bekommen könnten? Sehr seltsam das alles. Das konnte ja heiter werden. Nun musste ich noch die Hürde mit diesem großen Vogel nehmen, ich glaube sein Name war Condor. Jedenfalls stand es groß und breit auf seinem Schwanz. Also, ich fand es ein bisschen angeberisch, und hätte ich nicht die Hosen gestrichen voll gehabt, hätte ich meine Meinung dazu gesagt, aber so... Ich hörte wohl nicht recht! „Wir müssen ihn ruhigstellen für den Flug, wir geben ihm eine Tablette“. Was denn? Noch ruhiger als ich war, ging doch gar nicht mehr!? Ich nehme nichts, dann bin ich nicht mehr Herr meiner Sinne und……………………………. 6) Aus weiter Ferner hörte ich eine Stimme: „Meine Damen und Herren in wenigen Minuten landen wir auf dem Flughafen Düsseldorf, wir bitten Sie, sich nun wieder anzuschnallen, Ihre Rückenlehnen senkrecht zu stellen…“ War ich schon tot? Im Katzenhimmel? Hatte ich den Katzenpetrus überzeugen können? Wem gehörte diese sanfte Stimme? Super gut gelaufen, endlich, dachte ich. Aber anstatt die Engel zu hören, die „Hosianna“ sangen und frohlockten, wurde es so laut unter mir, dass ich erschrak und mich eiligst wieder zusammenrollte. Mein kleines Katzenherz raste wie verrückt und ich hatte schreckliche Angst. Dann ein fürchterliches Rumpeln unter mir (heute weiß ich, das waren die Füße von diesem komischen Vogel, der sie während des Fluges immer einzieht). Ich sag’ es ja, normal war das nicht. Und dann ging alles ganz schnell, es rumpelte um mich herum, ab und an sah ich Menschenbeine und die dazu gehörenden Füße, laute Stimmen, jemand nahm die schicke dunkelblaue Tasche, in der ich saß, bückte sich zu mir und sagte: „ Hallo mein Süßer, da bist Du ja endlich. Jetzt wird alles gut!“ Diese Stimme, wie Samt gegenüber den Geräuschen der letzten Stunden, sagte dann noch: „Was für ein hübscher Kerl Du bist“. Was? Ich? Ist hier noch einer, oder meint sie tatsächlich mich, diesen ramponierten, depressiven Kater? Es schien so. Ich liebte sie dafür. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, wie auch, was auch immer sie mir gegeben hatten, es würde noch Wochen vorhalten, das wusste ich genau. Außerdem brauchte ja auch niemand zu sehen, dass ich mich tatsächlich schon ein wenig freute. Mal sehen, was jetzt kam. Flugs ins Auto, ich stellte fest, ich war nicht alleine. Eine Katze war auch noch dabei. Hübsch war sie. Wo wollte die denn hin? Ob sie auch in diesem großen Vogel war? Ich war ein wenig verwundert, denn sie war nicht mehr so ganz jung und auch nicht mehr so ganz schlank. Jedenfalls nicht wie die knackigen Mädels, die ich so kannte. Aber vielleicht...Nein, das konnte doch nicht wahr sein! Jetzt fiel es mir wie Schuppen aus dem Fell. Sie war schwanger! Ach! Ich glaubte es kaum. Mit dem Bauch voller kleiner Kätzchen hatte auch sie diese Reise angetreten. Ob sie denn auch unter Depressionen litt wie ich? Ob sie denn auch keiner haben wollte auf der Insel? Fragen über Fragen. Ich beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Nein, sie war glücklich, sie sah ja Mutterfreuden entgegen. Für sie hatte das Leben einen Sinn. Ach, wäre ich doch der Vater ihrer Süßen, dann könnten wir eine richtig große Familie sein, und ich könnte mich nun um jemanden kümmern und sie alle lieben. Und während ich so vor mich hin träumte, hielten wir plötzlich an. Ich hörte ein Klingeln, ein Summen und schon stand ich bei Rosi in der Diele. „Wow!“ dachte ich. „Parkett, na ja, ob das gut geht, das ist doch empfindlich, oder?“ Und so viel Platz! Begrüßung, Gemurmel, plötzlich hob man mich aus der Tasche auf den Teppich, Türe zu, Ruhe. Angekommen! Ich weg! Sofort hinter die nächste offene Tür und da blieb ich auch, erstmal. 7) Rücksichtsvoll waren sie ja, Rosi und Erich, das muss ich sagen. Sie kamen nicht gleich angelaufen, um mich zu streicheln, wäre mir auch eher zu viel gewesen, und man darf nicht vergessen, ich hatte schreckliche Angst!!!!!! So beschloss ich, mich erst einmal für ein paar Tage gänzlich zurückzuziehen. Ich hoffte, sie würden es verstehen und mich in Ruhe lassen. Vorsichtshalber wählte ich das Katzenklo als vorläufige Bleibe (ich weiß, für einen stolzen Kater wie mich nicht gerade angemessen), aber es passte zu meinem derzeitigen Zustand, der war ja auch eher besch….. Hin und wieder meinten Rosi und Erich, nach mir schauen zu müssen. Sie steckten dann Ihre Köpfe in das Klo und sprachen ganz lieb mit mir. Ich wäre ihnen gerne entgegengekommen, aber so weit war ich noch lange nicht. Ich hatte ja auch noch meinen Plan im Kopf. Obwohl er schon ein wenig wackelte. So schön wie ich es jetzt hatte, besser konnte es im Katzenhimmel eigentlich auch nicht sein. Hier kümmerten sich zwei liebe Menschen nur um mich. Da oben müsste ich alles mit den anderen verstorbenen Kollegen teilen. Ich legte mein Köpfchen auf die Pfoten, rollte mich ein und schlief weiter. Zwei Tage vergingen und dann vernahm ich einen Duft, den ich nicht mehr ignorieren konnte. Ein Napf mit ganz viel leckerem Futter wurde vor meinem Katzenklo hin und her geschwenkt. „Mhhh! Wie lecker“, versuchte eine Stimme (Erich) mich zu überzeugen, endlich mal etwas essen zu müssen. Ja, mein Magen knurrte heftig. Aber diese Angst!! Ich schaute Erich Hilfe suchend an und er verstand mich sofort. Er setze den Napf im Badezimmer ab - genauso, wie Rosi mir ihr Kuschel-Nachthemd hinter die Tür legte, das so gut roch - und ließ mich allein. Er wusste, ich würde früher oder später nicht widerstehen können. 8) ICH wusste, die Beiden saßen nun draußen und waren gespannt, und auch ein wenig nervös, ob ich wohl fressen würde. So frische Katzeneltern sind ja aufgeregt. Waren schon süß, die zwei. Ich riskierte es, Pfote vor Pfote entstieg ich vorsichtig dem Klo und dann ging alles ganz schnell. So lecker hatte lange nichts mehr geschmeckt und erst nach den ersten Bröckchen merkte ich, wie hungrig ich wirklich war. Ratzfatz war der Napf leer, und um Rosi und Erich eine Freude zu machen, klapperte ich heftig damit. Zum Schluss machte ich auch noch ein Bäuerchen. Sie sollten wissen, es hatte mir geschmeckt. Schon hörte ich draußen aufgeregtes Gemurmel. „Er frisst, Gott sei Dank, alles wird gut, ich bin so froh!“ Ich musste ein wenig schmunzeln. Menschen sind schon eigenartig. Sie treten einen mit Füßen, lassen einen schwer verletzt im Straßengraben liegen und dann, am Ende, heulen sie vor Glück, wenn sie uns retten dürfen!? Es wurde mir ein wenig warm um mein Katzenherz, als ich mir überlege, wie lieb sie mich schon hatten. Rührend. So kamen wir uns jeden Tag ein Stückchen näher: Rosi und Erich mir mit Futter und viel Liebe. Ich ihnen mit zwei, drei Maunzern, so laut ich konnte. Das versetzte sie regelmäßig in Entzücken, und Erich legte sich dann auch richtig ins Zeug, redete auf mich ein, weil er dachte, ich wollte mit ihm plaudern und würde ihn verstehen. Und irgendwie hatte er auch Recht. Rosi hingegen hielt sich ein wenig zurück, sie war nämlich zu dem Schluss gekommen, dass ich eine Männerkatze sei. Ich hatte zwar keine Ahnung, dass es sowas gab, aber ich respektierte ihre Meinung und auch ihre Zurückhaltung. Ich konnte ja großzügig sein, bekam ich doch trotzdem von Erich alle Zuwendung der Welt. Wenn ich ehrlich bin, muss ich auch zugeben, es ist was dran, an der „Männerkatze“. Das zeigte sich schon bald. 9) Rosi musste zu einem Seminar und blieb drei Tage und Nächte weg. Wenn ich heute darüber nachdenke, war das der Ursprung unserer (Erichs und meiner) Männerfreundschaft, die nicht mehr zu zerstören war. Er stand morgens um halb sieben auf, reinigte mein Klo, saugte meine ausgekratzten Fellknäuel von der Nacht auf, gab mir mein Futter (immer aus einem frisch gespülten Napf) und redete ohne Unterbrechung mit mir. Zugegeben, manchmal war ich froh, als dann endlich die Tür ins Schloss fiel und er zur Arbeit fuhr. Nicht dass es mir zuviel gewesen wäre mit ihm - aber um diese Uhrzeit? Umso mehr freute ich mich dann abends auf ihn, wenn er „nach Hause“ kam. Nicht, dass er da weniger geredet hätte, aber es kam noch etwas wichtiges hinzu. Das Kraulen. Ich hatte nämlich entdeckt, dass er das besonders gut beherrschte, und wenn er das auch bei Rosi so machte, wusste ich, was sie an ihm schätzte. In diesen 3 Tagen versuchte ich, ihm näher zu kommen und er freute sich wie ein König. Er hatte mein Vertrauen gewonnen, und nun waren wir richtige Freunde. Ich schnurrte so laut es ging, stieß ihn mit meinem Köpfchen, und er war hin und weg. Als Rosi zurückkam, sagte sie nach einer Weile, in der sie uns beobachtet hatte: „Schatz, Du hast mich die letzten zwanzig Jahre nicht mehr so verliebt angesehen wie jetzt Bubu“ (mittlerweile hatten wir uns alle an diesen Namen gewöhnt). Einerseits tat das gut, andererseits sah ich schon die erste Krise auf uns zukommen. Deshalb hielt ich mich nun wieder mehr zurück. Ich wollte nichts riskieren und am Ende vielleicht wieder rausfliegen hier. Und bei diesem Gedanken fiel mir auf, dass ich das nun überhaupt nicht mehr wollte. Rausfliegen und so. Ich wollte bei Rosi bleiben und bei meinem Freund. Und ich wollte leben!! 10) Die Tage vergingen, das Leben wurde immer angenehmer und spannender, mittlerweile tummelte ich mich auf ca. 80 qm und ich genoss es sehr. Was mir nicht so sehr gefiel, war die Sache mit dem Parkett, das überall herumlag, ich hatte es ja geahnt. Immer noch gab es Situationen, in denen ich Panik bekam und die Flucht ergreifen musste. Zum Beispiel wenn Rosi und Erich in meiner Nähe waren, vier Füße um mich rum, dann noch das Geräusch von Silberfolie, die Dunstabzugshaube und das Trampeln der Kinder vom 1.Stock. Damit war ich dann völlig überfordert, wusste nicht mehr wohin und hatte Angst um mein Leben. Ja, Ihr habt richtig gehört. Mir zitterten die Knie und ICH HATTE ANGST UM MEIN LEBEN! Ich ergriff die Flucht, schaute nicht nach links und rechts und dann passierte das Unvermeidliche. Ich schlidderte über das vermaledeite Parkett, rutschte bis zur glücklicherweise geschlossenen Wohnzimmertür, die meine Rutschpartie unsanft stoppte. Dies waren Momente, in denen mein Katzenherz extrem gefordert wurde und manchmal war mir hinterher richtig schlecht und mein Atem raste wie verrückt. Glücklicherweise hatte Erich aber immer ein Auge auf mich und versuchte, solche Situationen zu vermeiden. Manchmal sagte er sogar zu Rosi: „Am besten gehst Du jetzt aus der Küche, damit ER in Ruhe fressen kann“. Rosi war dann immer fassungslos, schnaubte ein wenig, das hatte ich schon öfter aus den Augenwinkeln beobachtet. Ich gab mich gelassen und tat so, als hätte ich nichts gehört. Sie zog dann immer prompt ab, murmelte manchmal etwas Unverständliches, blieb aber freundlich. Man hätte nun denken können, dass ich noch mal Glück gehabt hätte und alles nun ganz normal weiter gehen würde und dann könnte ich allmählich mit dem Schreiben aufhören. Nein, soweit sind wir noch lange nicht. 11) Zunächst kam etwas, das mein Katzenleben um einiges bereicherte. Und das war Rosis genialer Einfall, der simpel war, mich aber ernährungstechnisch gesehen in einen wahren Gourmet verwandelte. Ich will nicht undankbar sein und mich beklagen, denn das Futter, das Rosi immer anschleppte, war durchaus lecker. Einfach, aber lecker. Es roch gut und war preiswert (sagte Rosi, und da sie eine sparsame Hausfrau war, schien ihr das zu gefallen). Tage zuvor hatte Rosi zu Erich gesagt: „Bubu kommt doch aus Sardinien, also vom Meer und er hat bestimmt früher selbst den einen oder anderen Fisch gefangen und verputzt. Ich kaufe mal Futter mit Fisch. Vielleicht erinnert er sich?“ Och, dachte ich, das ist jetzt aber nicht nötig, mir reicht die Gegenwart, die Vergangenheit kann ruhen. Ich war ein wenig erschöpft an diesem Tag, weil ich mich doch nun schon viel bewegte. Ich lag also nun gemütlich hinter der Heizungsverkleidung (neuerdings mein Lieblingsplatz), da stieg mir was in die Nase, was ich aus einem anderen Leben kannte. Frischer Fisch! Um genauer zu sein, Lachs. Ich wurde unruhig, mir lief das Wasser im Schnäuzchen zusammen, ich musste mich bemerkbar machen. Ich rannte regelrecht in die Küche, ansonsten lass ich mir schon ein wenig Zeit, damit mir auch nichts entgeht und ich auf dem Weg noch die eine oder andere Streicheleinheit von Erich mitnehmen kann. Rosi ist ja nicht so sehr für das Kraulen meines Fells, vielleicht liegt es aber auch an mir, ich bin eben eine „Männerkatze“ und konzentriere mich, ehrlicherweise gesagt, eher auf Erich. Aber nun hatte sie einen Volltreffer gelandet. Aus einem Töpfchen nahm sie kleine Häppchen feinsten Lachses, hielt ihn mir hin und ich… Ich wusste gar nicht, was ich zuerst machen sollte: mich freuen, fressen, lauter als sonst, viel lauter, meine Verzückung kundtun oder mich pausenlos um die eigene Achse drehen. Ich war außer Rand und Band, sehr zum Gefallen der Beiden. So enthemmt hatten sie mich noch nie gesehen. Über dieses Ereignis verlor ich ein weiteres Stückchen meiner schrecklichen Angst. 12) Die Tage vergingen, Rosi hatte zwischenzeitlich eine Anfrage, ob man nicht mal Fotos von mir machen könne, um diese nach Sardinien zu schicken. Oh nein, man hatte mich noch nicht vergessen. Man sorgte sich sogar noch ein wenig, ob es mir wohl gut ginge, ob ich gut untergebracht war (also das war ja gar keine Frage). Ob ich vielleicht noch Schmerzen hatte. Darauf konnten Rosi und Erich nun keine Antwort geben. Mein beschwingter Gang deutete zwar nicht darauf hin, aber ob sie das richtig verstanden? Doch, es ging mir gut. Eines Abends hatte dann Erich so ein komisches Ding in der Hand und rannte immer hinter mir her. Bubu bleib doch mal stehen, Bubu komm mal her, Bubu hier und Bubu da. Hätte er gleich gesagt, dass er mich fotografieren will, hätte ich mich natürlich in Positur geschmissen, aber so hatte ich richtig Spaß daran, ihm immer davon zu laufen und er hinterher. So was hatten wir noch nie gespielt und es gefiel mir sehr. Das wollte ich nun öfter haben. Aber er hat es am Ende geschafft. Er hat supersüße (wie Rosi sagt) Fotos von mir gemacht und er war vollauf begeistert. Natürlich konnte man auf den Fotos erkennen, dass mein rechtes Auge nicht in Ordnung war, aber Erich meinte, das sei nicht schlimm, nein, es gäbe mir sogar das „gewisse Etwas“. Und dann kam auch wieder dieser Blick, den ich mittlerweile an ihm kannte, ganz weich und liebevoll schaute er mich an und war entzückt von mir. Rosi verdrehte dann immer die Augen, aber ich fand es toll und dankte es mit lautem Schnurren und „um die Beine streichen“. Die Tierschutzleute auf Sardinien waren zufrieden und wussten nun, dass ich gut aufgehoben war und sie sich keine Sorgen mehr machen mussten. Ich bin auch ihnen mittlerweile sehr dankbar, haben sie doch viel dafür getan, dass es mir heute wieder gut geht. So konnte das Leben weiter gehen. Ich wurde geliebt, man sprach viel mit mir (na ja, manchmal schon zu viel), mein Fressen war lecker, die beiden super nett zu mir, ich war glücklich. Dann kam´ s!!! Ein Schock, ein richtiger Schock. 13) Ich hatte gar nichts bemerkt, oder doch? Hatte sich das Drama damit angekündigt, dass Erich immer soviel ins Badezimmer rennen musste und sehr geräuschvoll (darüber hatte ich mich schon gewundert), seine Nase entleeren musste? Dass er immer, nachdem ich meine Streicheleinheiten bekommen hatte, seine Hände wusch? Und manchmal bekam er auch schlecht Luft, aber dass all dies irgendetwas mit mir zu tun haben könnte? Nicht im Geringsten habe ich daran gedacht. Liebten sie mich doch über alles, ich gab, was ich konnte und es wurde dankbar aufgenommen. Es ging aber nicht um Geben und Nehmen, es ging um eine Krankheit, die heißt Allergie. Da kann man das, was man gerne hat, in diesem Falle mich, nicht vertragen. Da reagiert der Körper (ich habe mich natürlich erkundigt) mit solchen Symptomen wie bei Erich. Rosi hatte ihm für Freitag einen Termin beim Allergologen gemacht. Trotz aller Anzeichen verdrängten die Beiden sämtliche Anzeichen und hofften, dass der Allergietest gut ausfallen würde, obwohl sie es besser hätten wissen müssen. Sie glaubten sogar, der Arzt würde einer Desensibilisierung zustimmen und dann wäre alles gut und ich könnte bis an mein Lebensende bei ihnen bleiben. Sie hatten sogar schon die Nachbarn gefragt, ob sie sich im Falle eines Urlaubs um mich kümmern könnten. „Gerne“, sagten die Nachbarn, „da freuen sich unsere Kinder“. Auweia, wenn das die von oben sind, dachte ich, kann ja was auf mich zukommen. Da bleib ich besser allein und mache doch lieber mal ein paar Tage „Heilfasten“. Nein im Ernst, alles schien bestens geregelt. Aber Pustekuchen!! Als Erich Freitag abends nach Hause kam, mich freudig begrüßt hatte, wie immer (ich glaube ja, er kam meinetwegen jetzt viel lieber nach Hause, nichts gegen Rosi), kam der Hammer. Unser armer Bubu, sagt er. Ich guckte, Rosi guckte, was konnte er meinen? Was war denn los? Ich war doch gar nicht arm, ich war doch reich, ich hatte doch alles, was ich brauchte, und sogar noch mehr!? Er zeigt Rosi seinen Rücken und seinen Arm und erzählte uns dann vom Untersuchungsergebnis. Ich bin ja sonst kein Feigling, aber das wollte ich nicht hören. Schnell verkroch ich mich in meiner Ecke und verhielt mich ruhig. Ich wollte keinen, aber auch gar keinen Anlass für was auch immer geben. Leider hab’ ich doch alles gehört: Erich ist hochallergisch gegen Katzen, Hunde, Pferde und Meerschweinchen. Der Rest war mir egal, aber auch gegen Katzen, das durfte nicht wahr sein, jetzt hatten wir den Salat. Und der Arzt wollte Erich nicht desensibilisieren, nein so kann man es nicht sagen. Er riet ihm dringend davon ab. Er erklärte Erich die Gefahren, auch bezüglich eines späteren Asthmas und empfahl ihm, sich von mir zu trennen. Rosi war wie vom Donner gerührt, sie saß da und konnte es nicht fassen, nein, sie wollte es nicht fassen. Sie wollte es nicht wahrhaben, sie wollte mich behalten, auch wenn ich eine Männerkatze war. Was sollte sie nur tun? Und Erich, mein bester Freund, was war mit ihm? Ich meinte Tränen in seinen Augen zu sehen. Eine Tragödie, ein Dilemma, eine Katastrophe! 14) Ich warf alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord und kam aus meinem Versteck. Ich musste sie trösten. Ich gab alles, strich ihnen abwechselnd um die Beine, nahm Hautkontakt auf, schnurrte wie ein Weltmeister, drehte mich ein paar Mal im Kreis und ließ mich dann auf den Rücken fallen. Sie lachten. Gott sei Dank, ich hatte es geschafft, sie ein wenig aufzumuntern, nur traute ich dem Braten nicht. Jederzeit konnten sie sich wieder erinnern, und dann? Ein Glück nur, dass ich nicht so ein verwöhnter Stubenkater war. Ich hatte die Härte des Katzenlebens ja bereits zur Genüge kennen gelernt und wusste auch mittlerweile, dass von heute auf morgen plötzlich alles anders sein kann. Deshalb versuchte ich auch jetzt die Nerven zu behalten. Meine Straßenkatermentalität kam mir da sehr zu Hilfe, die und ebenso meine unabhängige Art zu leben gepaart mit dem mir eigenen Freigeist. Da wir im Moment alle drei nicht wussten, wie es werden würde - das heißt wir wussten es schon - taten wir erstmal so, als wäre nichts Ungewöhnliches passiert, jedenfalls für die nächsten Tage. Wir wollten uns etwas Zeit nehmen, den Schock zu verarbeiten und dann nach vorne zu sehen. Das war mit nur einem Auge gar nicht so einfach! Allerdings hatte Rosi die Tierschutzleute zwischenzeitlich schon über das Testergebnis informiert und auch darüber, dass die Beiden mich nicht behalten konnten. Ich weiß nicht, was ein Internet ist, aber da wollten sie die Fotos von mir hinstellen. So wollten sie mir ein neues Zuhause besorgen! Rosi hat dann noch was ganz Schönes über mich geschrieben, auch für dieses Internet. Dass ich ein ganz Lieber bin und sauber, ein glänzendes Fell habe und demnächst auch mal gerne raus möchte. Ach ja Rosi, wie kann ich ihr nur danken? Und Erich, meinem Freund, dass sie mich gerettet haben! Und jetzt bescherte ich ihnen eine Allergie. Das wollte ich wirklich nicht. 15) Ich glaube, Rosi hat es besonders getroffen. Seit Tagen sah sie gar nicht gut aus, klagte über Magenschmerzen und war (wenn ich mir das zu sagen erlauben darf) depressiv. Sie lachte nicht mehr so laut wie sonst und überhaupt. Trotzdem, gestern Abend dann hat sie etwas ganz Schlaues gesagt zu Erich, und das zeigte mir, sie hat das Schlimmste überstanden: „Weißt Du Schatz, wir können es nicht ändern und müssen damit umgehen, aber ich bin froh, dass wir den kleinen Kerl so gut hingekriegt haben. Er hat wieder Freude am Leben, wird von Tag zu Tag mutiger und ist ein richtig toller Kater geworden. Wo auch immer er hinkommt, man wird ihn dort genauso lieben wie wir. Und dann wird er uns auch nicht vermissen“. Danke für das Kompliment, aber das glaubte ich nun nicht! Wie sollte das denn gehen? Aus den Augen aus dem Sinn oder was? Nein, so einer war und bin ich nicht. Ich hing an meinen Lieben, aber es war wahr. Nicht vermissen? Aber hallo, natürlich würde ich das, jedenfalls am Anfang. Ein paar Tage waren nun seit der traurigen Nachricht vergangen und wir hatten uns wieder im Griff, alle drei. Schließlich waren wir erwachsen (ich auch schon ein bisschen) und mussten mit den Höhen und Tiefen des Lebens umgehen können. Was mich betraf, war ich ja mehr als leidgeprüft und auch eine Katze, die sich gut auf die Gegebenheiten einstellen kann. Ich bin extrem anpassungsfähig, wie ich mittlerweile wusste. Wir hatten nur beschlossen, die Tage, die uns noch zusammen blieben, so angenehm wie möglich zu verbringen. Also bei genauer Betrachtung hatte ich das Gefühl, meine Portionen wurden etwas größer, Rosi schleppte einen Riesenpacken Leckerlis an und die Streicheleinheiten sind auch intensiver geworden. Der lange Abschied hatte begonnen. Trauerbegleiter brauchten wir nicht, wir stützten uns gegenseitig und das war ein schönes Gefühl. 16) Die Hauptsorge, die ich jetzt hatte, galt den Charaktereigenschaften meiner zukünftigen Familie. Zu Kindern, die immer laufen und Krach machen, würde ich auf keinen Fall gehen. Alleine schon das Geräusch von „oben“ warf meine Entwicklung immer wieder um Stunden zurück . „Anfassen lassen“ auch nur nach Bedarf, aber nach meinem Bedarf. Und wie und wo würde ich selber bestimmen. Auf den Arm nehmen ging gar nicht, war ich doch froh, dass ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Das schreckliche Erlebnis in dem blöden Condor wollte ich ein für alle Mal verdrängen! Und hoffentlich würde ich die „Neuen“ überhaupt verstehen und sie mich!? Rosi war ja so freundlich und hatte am Anfang etwas italienisch mit mir gesprochen, so konnten wir uns multikultimäßig verständigen. Ach ja, Rosi und Erich würden schon sehr darauf achten, dass mir nichts Böses passieren würde und ich weiter ein feines Katzenleben führen könnte. Doch, ich hatte das Gefühl, wir drei waren jetzt richtig fest zusammengewachsen, ich ging völlig aus mir raus, die Beiden reagierten auf jedes Mauzen von mir und wir profitierten alle voneinander. Gefährlich, sehr gefährlich. Je näher wir uns kamen, umso schwerer würde der endgültige Abschied werden. Lange hatten wir nichts mehr von der Vermittlungsstelle gehört. Ob mich denn keiner wollte? Vielleicht wegen meines Auges? Oder weil ich ein Straßenkater war? Oder weil man dachte, ich hätte einen seelischen Schaden? Was auch immer, es passierte nichts. Erich ging es nicht gut. Ich konnte es kaum mit ansehen bzw. -hören. Nachts musste er jetzt immer aufstehen. Ich hörte dann wie er seine Nase entleeren musste, er atmete dann auch ziemlich laut und manchmal ging er auch auf den Balkon um wieder Luft zu bekommen. Rosi merkte von alledem nichts, sie schlief so tief und fest, und manchmal schnarchte sie sogar, sagte Erich (was auch immer das ist), das nur nebenbei erwähnt. Am Sonntag nun wollte Rosi meine Katzentoilette (Erich sagte immer, bei Bubu heißt das nicht Klo, sondern Toilette, weil er so vornehm ist) woanders hin stellen, da sagte Erich zu ihr, lass sie stehen, es ist doch nur noch für ein paar Tage. Dann hat er ihr alles erzählt. Mit nachts und so, dass es schon immer schlechter geht mit seiner Allergie. Rosi war empört und meinte ziemlich rigoros, dass es so aber nicht mehr weitergeht. Es tat mir so Leid für ihn. Aber er konnte die Finger ja auch nicht von mir lassen. Den ganzen Abend kraulte er mir das Fell, und ich war echt nicht stark genug, mich dem zu widersetzen, selbst dann nicht, wenn ich an die nächtliche Ruhestörung dachte. Ich konnte nichts dafür, ehrlich nicht. 17) Dabei ging es mir gerade so gut, ich machte Riesenfortschritte, sagten die Beiden. „Spieltrieb“ oder wie das heißt, hätte ich jetzt, sagten sie. Das ging so: Ich lag ganz gemütlich rum, plötzlich, wie von einem Faden gezogen, musste ich schnell aufspringen, sofort lospreschen, quer durch die Bude rasen, imaginäre Fliegen fangen oder wilde Tiere, die sich unter den Schränken verstecken, dingfest machen. Es müssen meine Bewegungen gewesen sein, die dafür sorgten, dass sich die Beiden köstlich amüsierten. Und wenn ich dann noch am Fernseher vorbeikam, mich für das Geflackere interessierte und mich erstmal gemütlich davor setzte, um mir das in aller Ruhe anzusehen, nahm ihre Freude kein Ende. Ich muss gestehen, es machte mir selbst Riesenspaß, wenn ich mich so richtig gehen lassen konnte, mein Bewegungsdrang keine Grenzen kannte, und ich hinterher richtig fertig war und mich wieder genüsslich zurückziehen konnte. Überhaupt wurde alles mit jedem Tag ein bisschen anders, besser, intensiver, interessanter. Rosi und Erich sagten, ich wäre jetzt eine richtige Katze. Was sie meinten ist, dass ich mich jetzt eher wie eine Katze benahm. Meine Ängste waren in weite Ferne gerückt. Natürlich war ich vorsichtig, das musste ich auch bleiben, das ist mein Naturell, dafür ist das Leben zu gefährlich. 18) Erich machte mir Sorgen, mehr denn je. Ich wusste, meine Tage bei den Beiden waren gezählt. Die Nächte wurden unruhiger und er bekam kaum Luft. Selbst ich konnte und wollte das jetzt nicht mehr ignorieren. Dafür liebte ich ihn zu sehr. Ich war traurig, aber auch sicher, dass ich es ganz gut verkraften würde. Natürlich würde es Tränen geben, das ist normal. Aber mein neu erlangtes Selbstbewusstsein sagte mir nun immer öfter, dass ich überall gut leben könnte, wo es nette Menschen gibt, die es gut mit mir meinen. Und außerdem hätte ich ein wenig Gesellschaft gut gebrauchen können. Ich war ja noch relativ jung und trotz des Verlustes meiner Männlichkeit hätte ich gegen einen Flirt mit einem hübschen Katzenmädchen nichts einzuwenden gehabt. Klar, mit Kinderkriegen ist bei mir nichts mehr, aber ein wenig Kuscheln am Abend ist ja auch nicht zu verachten. Auf einen anderen Kater wäre ich jetzt nicht so verrückt gewesen, vor allem, wenn das so ein Macho gewesen wäre. Aber hatte ich eine Wahl? Ich würde mich eben überraschen lassen müssen. 19) Nein, ich konnte es fast nicht mehr mit ansehen. Jede Nacht stand Erich auf und fand keinen Schlaf mehr. Erst einmal hustete er heftig, dann stand er eine Zeit lang auf dem Balkon, um wieder Luft zu bekommen und dann setzte er sich in die Küche und löste ein „Sudoku“ nach dem anderen. Und das mitten in der Nacht. Also, ich könnte nachts nicht denken. Und dann litt er auch noch so darunter, dass unsere Trennung unausweichlich war. Unter uns, manchmal, wenn Rosi nicht da war, und er sich mir so nah fühlte kamen ihm schon die Tränen. Rosi hat ihn auch schon mal gefragt danach, er hat es natürlich verneint. War ja irgendwo auch ein stolzer Kater, mein Freund Erich. Es war soweit! Mir zitterten die Knie. Es gab jemanden, der mich nehmen wollte. Es war aber nicht sicher, ob ich dort für immer bleiben konnte, das machte mir ein wenig Angst. Jedenfalls war es jetzt erstmal mit meinem ruhigen Leben bei Rosi und Erich vorbei. Ging dann doch schneller, als ich dachte. Leider! Egoistischerweise muss ich sagen: ich fand das Ganze auch ein bisschen spannend. Erich hat mir erzählt, dass der andere Kater, mit dem ich, jedenfalls für eine Weile zusammenleben sollte, blind ist. Das konnte ja heiter werden, ein Blinder und ein Einäugiger. Mein neuer Mensch heißt Karina, hat er mir erzählt und sollte noch gar keine Erfahrung mit Katzen haben. Also ich war sicher, das mit dem blinden Kater, das würde ich hinkriegen. Ich müsste ihn ja nur führen und ihm alles erklären. Er soll Dino heißen, klingt italienisch. Hatte meine Muttersprache ja noch nicht verlernt und könnte ihn verstehen, und er mich. Die Wohnung sollte etwas kleiner als bei Rosi und Erich sein, aber ich wollte nicht meckern. War ja froh, dass ich überhaupt ein neues Zuhause bekommen sollte. Und Gesellschaft. Vielleicht würden dieser Dino und ich uns anfreunden. Klar, einen Ersatz für Erich würde es niemals geben. Aber ein bisschen toben und kuscheln wäre doch auch schön. 20) Wir saßen ein letztes Mal zusammen, wohl wissend, wie wertvoll diese Stunden für uns waren. Ich tat ziemlich cool, ich wollte mir nichts anmerken lassen. Sie erzählten mir schon wieder, wo ich hinkommen würde, wie schön es da wäre, dass ich da auch raus könnte und so weiter. Und sie erzählten mir auch, wie traurig sie sind, sich von mir trennen zu müssen und dass sie ihr Versprechen nicht halten können. Menage á trois konnte man sagen, jedenfalls was die Liebe zwischen uns dreien betraf. Auweia, was sollte ich bloß tun? Wie gern hätte ich mich an Erich meinen besten Freund geklammert, damit er mich tröstet, aber gerade das ging ja jetzt aus bestimmtem Grund nicht. Und Rosi? Die brauchte selber jemanden, der sie tröstet. Sie weinte. Das wollte ich nie, nie im Leben. Ein wenig absurd war es schon, dass zwei Menschen und eine Katze zusammen sitzen um Abschied zu feiern, wobei von Feiern konnte jetzt eigentlich nicht die Rede sein. Die beiden tranken Bier und ich? Noch nicht mal ein Leckerli zum Abschied. Trockene Veranstaltung. Nein, im Ernst, ich will mich nicht beklagen. Ich hatte alles, was ich brauchte und war zufrieden. Der nächste Morgen war angebrochen. Die Beiden waren so komisch, ich bekam eine Gänsehaut nach der anderen. Ich hatte Angst. 21) Und dann ging es Schlag auf Schlag. Es klingelte, dann kam eine Box zur Tür herein und ein Mensch, eine Frau. Zwei Hände packten mich, schnell in die Kiste, ich fauchte und sträubte mich, es nützte nichts. Ein Gitter wurde vor mich geschoben, Panik, was sollte das? War ich jetzt im Gefängnis? Erinnerungen kamen hoch, die fast vergessen waren. Ich versuchte mit meinen Pfötchen durch das Gitter zu greifen. Wollte hier raus. Es tat weh, ich hatte mich verletzt. Das auch noch, 2 Nägel verloren beim Kampf ums Dableiben. Rosi schlug die Hände vors Gesicht, konnte es nicht mit ansehen, sie weinte. Erich machte noch schnell meine Katzentoilette sauber, das allerdings dauerte sehr lange. Er wollte Zeit schinden, kam ewig nicht aus dem Badezimmer raus. Auch er hatte ganz verheulte Augen. War das eine scheußliche Situation. Allmählich gaben wir alle auf. „ Auf Wiedersehen mein Schatz“, sagte Rosi, „mach ´s gut, ich hab dich lieb.“ Erich wendete sich ab, ich weiß warum. Er, der immer so gefasst ist bei allen Dingen im Leben, hatte verheulte Augen. Wissend wendete auch ich mich ab, und tat so als hätte ich nichts bemerkt. Ich hörte noch ein Schluchzen durch die Haustür von Rosi, tröstende Worte von Erich, dann war es ruhig. Geschafft was nicht zu ändern war und für mich eine neue Herausforderung und eine weitere Etappe in meinem neuen Leben. Das Leben geht weiter, auch Rosi und Erich werden sich von der Trennung von mir erholen haben. Eine neue Katze werden die beiden sicher nicht mehr bekommen. Und ich nie mehr einen Freund wie Erich. Glaub ich zumindest! Ich möchte mich an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bedanken für alles, besonders für mein „neues Leben“. Macht´ s gut Ihr beiden, ich habe euch auch lieb. Und dann kam Dino! 22) Wir haben uns gesehen und gemocht. Anders kann man das nicht sagen! Schon am ersten Abend haben wir eng aneinander gekuschelt geschlafen. Wir haben uns gegenseitig getröstet. Er hat mir geholfen, mein Angst zu überwinden, und ich hab ihm geholfen, sich zurecht zu finden. Der arme Kerl kann ja tatsächlich nichts sehen! Ach Dino, ich mach Dir keinen Vorwurf, ich weiß, Du hattest keine Wahl, aber: warum hast Du mich allein gelassen?? Aber der Reihe nach: Ich kam also in diese neue Wohnung, und dort hat Dino schon auf mich gewartet. Karina hat die Box auf den Boden gestellt, die Tür geöffnet, ich nichts wie raus unters Sofa und Dino hinterher! Dann haben wir zwei uns erst mal in Ruhe ausgetauscht. Dino hat mir seine Geschichte erzählt und ich ihm meine. Wir waren seelenverwandt, das haben wir sofort gespürt. Und wieder hab ich mich auf eine Männerfreundschaft eingelassen, diesmal mit einem Kater. Niemand muss denken, dass ich Rosi oder gar Erich vergessen hätte. Die neue Frau in meinem Leben, Karina, wird bestätigen, dass ich ihr gegenüber bis heute recht zurückhaltend bin. Das ist nicht persönlich gemeint, das liegt daran, dass ich mich einfach nicht mehr traue, einen Menschen zu sehr zu mögen. Am Ende hat der dann wieder eine Allergie? Nee, da bleib ich lieber gleich für mich allein. Mit Dino war das anders. Er war ja ein Kater, und Kater sind nicht allergisch gegen Artgenossen. Dino ist eher der freundliche Typ. Stundenlang konnte der um Karinas Beine streichen, auf ihrem Schoß schnurren und all diese Sachen. Er war auch nie scharf drauf, mit nach draußen zu gehen. Ich hätte auf ihn aufgepasst, kein Problem, aber Freiheit und Abenteuer waren einfach nicht Dinos Ding. Meines schon! Nach so langer Zeit in einer Wohnung hab ich es richtig genossen, draußen rumzustreunen. Und dann heimzukommen und Dino alles zu berichten. Der hat mich für meinen Mut bewundert, und ich hab ihn dafür geliebt. Von mir aus hätte das ewig so gehen können. Wahrscheinlich haben Sie es schon geahnt. Wenn es um Dino geht, wird mir ganz wehmütig ums Herz, und ich rede von ihm immer in der Vergangenheit. Eines Tages sind nämlich fremde Menschen gekommen, haben Dino angeschaut und waren gleich hin und weg von ihm. „Ach, ist der süß, man merkt ihm kaum an, dass er blind ist, guck nur, wie der schmeichelt“ und lauter solche Sachen haben sie geseufzt. Karina hat Dino dann begeistert erzählt, dass er jetzt ein richtiges Zuhause bekommt. Ein Zuhause, wo er für immer bleiben darf und geliebt wird! Natürlich hab ich auch jedes Wort verstanden. In dieser Nacht haben Dino und ich uns ganz eng zusammengekuschelt. Am nächsten Morgen haben sie ihn geholt. Ich bin solange raus gegangen, ich hätte es einfach nicht ausgehalten, zu sehen, wie sie meinen Freund in die Kiste packen. Wie sie ihn zum Auto tragen. Sorry, Dino, dass ich nicht da gewesen bin. Ich hoffe, du weißt, wie sehr ich dich gemocht hab! Ich gönn dir dein tolles, neues Zuhause und wünsch dir von Herzen, dass du dort wirklich glücklich bist! 23) Ja, und ich? Ich leb immer noch in Karinas Wohnung. Oder sagen wir mal so: ich esse da und oft übernachte ich auch dort. Eigentlich leb ich draußen. Ich hab mich wieder ziemlich zurückgezogen. Bleib lieber für mich allein, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden. Mir fehlt es an nichts, das wär gelogen, ich bin gesund, hab zu essen, wenn ich es zulasse, werde ich sogar gekrault. Trotzdem muss was falsch sein mit mir. Ich hab jetzt lange genug mit dem Tierschutz zu tun, um zu wissen, dass über kurz oder lang jeder sein Plätzchen findet. Ich nicht. Letztes Weihnachten bin ich durch die Gärten gestreift, hab in vielen Fenstern die Weihnachtsbäume gesehen und einige Kollegen getroffen, die mir erzählt haben, wie das so ist. Eine eigene Familie, ein Platz für die Ewigkeit, ein paar Stoffmäuschen als Geschenk unterm Weihnachtsbaum, ein paar fette Stückchen von der Gans, ein wenig mit der Pfote nach den glitzernden Kugeln schlagen und keiner schimpft, weil es ja Weihnachten ist.... 24) Ein ganzes Jahr ist vergangen und nichts hat sich geändert. Noch immer hat keiner mich haben wollen. Heute ist wieder Heilig Abend. Heute werde ich wieder losziehen, durch die Fenster spähen und träumen. Ich, Bubu, die Männerkatze, mit der Sehnsucht nach einem Freund. Klar, ich lass mir das normalerweise nicht anmerken, aber ich vermisse Erich. Ich vermisse Dino. Ich wünsche mir so sehr ein Zuhause. Ein richtiges Zuhause, wo ich weiß, dass ich für immer bleiben darf. Vielleicht ist ja irgendwo da draußen genau der Mensch zu dem ich gehöre? Der schon genau so lange auf mich wartet, wie ich auf ihn? Vielleicht liest er diese Zeilen und ruft an? Vielleicht versteht er mich und gibt mir Zeit? Vielleicht liebt er mich, auch wenn ich erst mal abweisend bin? Vielleicht tröstet er mich, weil ich Angst habe? Vielleicht freut er sich, wenn ich von meinen Streifzügen nach Hause komme? Vielleicht wird doch noch alles gut? Vielleicht, vielleicht, vielleicht... |




